Christoph Schlingensief
* 24. Oktober 1960 in Oberhausen
† 21. August 2010 in Berlin
Leben :
Christoph Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 als Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester in Oberhausen geboren. Geprägt wurde er unter anderem von seinem Einsatz in der Katholischen Jugend und als Ministrant. Schon früh veranstaltete er im Keller seiner Eltern „Kulturabende“. Damals traten dort noch junge Künstler wie Helge Schneider oder Theo Jörgensmann auf. Bereits mit zwölf Jahren begann Christoph Schlingensief mit Schmalfilmen zu experimentieren.
Nach dem Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium Oberhausen studierte er ab 1981 in München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. In dieser Zeit versuchte er sich als Musiker (
Vier Kaiserlein, unter anderem mit Tobias Gruben) und begann dann seine Karriere als Filmregisseur. Als Assistent von Werner Nekes produzierte er seine ersten Kurzfilme. Sein erster Spielfilm war
Tunguska – Die Kisten sind da im Jahr 1983.
Von 1983 bis 1986 hatte Schlingensief Lehraufträge an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main und an der Kunstakademie Düsseldorf. 1986 bis 1987 war er dann der erste Aufnahmeleiter der Fernsehserie
Lindenstraße, 1988 produzierte er das Fernsehspiel
Schafe in Wales für das ZDF. Es folgten provozierende Spielfilme, zum Beispiel seine Deutschlandtrilogie (
100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker (1989),
Das deutsche Kettensägenmassaker (1990) und
Terror 2000 (1992)), mit der er erstmals größere Bekanntheit als Regisseur erlangte.
Seine Karriere als Theaterregisseur begann Schlingensief 1993 mit dem Stück
100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen an der Volksbühne Berlin. Zwischen 1993 und 2006 verwirklichte er zahlreiche Projekte innerhalb und außerhalb des Theaters. Bei dem für die Berliner Volksbühne inszenierten Stück
Rocky Dutschke, 68 arbeitete Schlingensief erstmals mit Menschen mit einer geistigen Behinderung, gelernten Schauspielern und Laien gemeinsam. Seit 2004 folgten Operninszenierungen in Bayreuth und Manaus. Durch die Aufmerksamkeit, die seine Projekte an der Volksbühne Berlin erfuhren, wurde er zu Produktionen an den großen Schauspielhäusern in Hamburg, Zürich und Wien eingeladen.
1997 wurde er bei seiner Kunstaktion
Mein Filz, mein Fett, mein Hase auf der documenta X in Kassel von der Polizei festgenommen, da er ein Schild mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ verwendete. Im 1998er Schattenkabinett von APPD-„Kanzlerkandidat“ Karl Nagel war Schlingensief als Bundesminister für „Rückverdummung“ vorgesehen. Er gründete aber im selben Jahr die Partei
Chance 2000 und zog mit ihr in den Bundestagswahlkampf.
Ende 1997 wurden im Programmfenster Kanal 4 acht Folgen der Talkshow
Talk 2000 ausgestrahlt, in der Schlingensief jeweils ein bis zwei Gäste (unter anderem Hildegard Knef, Beate Uhse, Harald Schmidt, Ingrid Steeger und Gotthilf Fischer) interviewte.
Im Februar 2009 war er Jurymitglied der Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale).Im April 2009 wurde er vom niedersächsischen Kulturminister Lutz Stratmann auf die Professur für Kunst in Aktion an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig für die nächsten fünf Jahre berufen. Gleichzeitig stellte Schlingensief das Projekt
Geschockte Patienten – Wege zur Autonomie vor, das das Ziel verfolgt, ein Netzwerk von Erkrankten aufzubauen, welches Erkrankte dabei unterstützen soll, in der ersten Zeit nach ihrer Diagnose ihre Autonomie zu bewahren und sie zu bestärken, sich nicht aufgrund ihrer Krankheit aufzugeben.
Am 1. August 2009 heiratete Schlingensief seine langjährige Lebensgefährtin, die Kostümbildnerin Aino Laberenz.
Anfang 2008 wurde bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert.Infolge seiner Krankheit wurde ihm der linke Lungenflügel entfernt. Im Dezember 2008 wurden in der verbliebenen rechten Lunge neu entstandene Metastasen diagnostiziert. Nach einer neuen, schweren Krebsdiagnose sagte Schlingensief im Juli 2010 seine für das Kulturfestival Ruhrtriennale geplante Produktion
S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken kurzfristig ab.
Schlingensief starb am 21. August 2010 an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung.
Aktionen :
Seine Theater-Performance im Bundestagswahlkampf 1998, die Gründung der Partei
Chance 2000, kann als Versuch gesehen werden, die Grenze zwischen Kunst und Politik zu verwischen. Der mediale Höhepunkt war die Einladung an alle vier Millionen deutschen Arbeitslosen, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten. Dies war für den damaligen Bürgermeister von Salzburg Josef Dechant Grund genug, die Aktion zu verhindern.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 25. Juni 1998: „Der Bürgermeister und Kulturreferent der Stadt Salzburg, Josef Dechant, hat das Kulturfestival Szene Salzburg aufgefordert, ein geplantes
Chance 2000 Projekt Schlingensiefs abzusagen. Andernfalls würden Subventionen in Höhe von 500.000 Mark einbehalten.“ Das Kulturfestival beugte sich der Zensur. Laut der Berliner Zeitung vom 25. Juni 1998 wäre der Wasserspiegel aber nur um 2 cm angestiegen, viel zu wenig, um das Haus von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen. Statt vier Millionen kamen etwa Hundert.
Die Partei nannte Schlingensief die Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten. Ihr Wahlslogan hieß „Scheitern als Chance!“. Daraus entstand 1999 Das Büchlein: „Wähle Dich Selbst“ CHANCE 2000 mit „Wahlkampfzirkus“ und Aktionen wie Rundgesprächen: „Wir lernen sprechen“. Seine Partei CHANCE 2000 erreichte bei der Bundestagswahl 1998 0,058 %.
Im Jahr 2000 installierte Schlingensief im Rahmen der Wiener Festwochen einen Container, der als Vorbild die Fernseh-Show
Big Brother hatte und in dem sich Asylsuchende befanden. Durch Abstimmungen konnte das Publikum entscheiden, welcher Teilnehmer den Container und das Land verlassen musste. Das Projekt wurde unter dem Namen
Ausländer raus! Schlingensiefs Container bekannt. Die Aktion wurde durch den Regisseur Paul Poet als Dokumentation verfilmt.
Seit Januar 2009 arbeitete Schlingensief an seinem Projekt
Festspielhaus Afrika (oft auch Operndorf Afrika). Im westafrikanischen Ouagadougou, Burkina Faso wurde im Februar 2010 der Grundstein für das Festspielhaus gelegt.
Christoph Schlingensief wollte 2011 den deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig gestalten, der von der Kuratorin Susanne Gaensheimer verantwortet wird. Der Maler Gerhard Richter hat sich mit scharfen Worten gegen die Berufung von Schlingensief gewandt.
Auszeichnungen :
• 1985: Nordrheinwestfälischer Produzentenpreis für Tunguska – Die Kisten sind da
• 1986: Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen
• 1987: Förderpreis zum Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Mülheim an der Ruhr
• 2003: Hörspielpreis der Kriegsblinden für Rosebud
• 2005: Filmpreis der Stadt Hof
• 2007: Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft
• 2009: Berliner Bär (BZ-Kulturpreis)
• 2009: Nestroy-Theaterpreis-Nominierung für die Beste Regie von Mea Culpa. Eine ReadyMadeOper am Wiener Burgtheater
• 2009: Helmut-Käutner-Preis
Filmografie (Regie) :
• 1977: Mensch Mami, wir dreh'n 'nen Film
• 1982: Wie würden Sie entscheiden?
• 1982: Für Elise
• 1983: Die Ungenierten kommen – What happened to Magdalena Jung?
• 1983: Phantasus muss anders werden – Phantasus go home
• 1984: Tunguska – Die Kisten sind da (mit Alfred Edel und Irene Fischer)
• 1986: Die Schlacht der Idioten
• 1986: Menu Total (mit Helge Schneider, Anna Fechter)
• 1986: Egomania – Insel ohne Hoffnung (mit Tilda Swinton)
• 1988: Schafe in Wales (TV)
• 1988: Mutters Maske (mit Helge Schneider)
• 1989: 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker
• 1990: Das Deutsche Kettensägenmassaker
• 1992: Terror 2000 – Intensivstation Deutschland
• 1994: Tod eines Weltstars – Udo Kier (TV)
• 1994: 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter (Co-Regie)
• 1996: United Trash
• 1997: Die 120 Tage von Bottrop
• 2004: Freakstars 3000
• 2005: African Twintowers
Filmografie (Schauspieler) :
• 1982: Für Elise
• 1983: Phantasus muss anders werden – Phantasus go home
• 1984: Tunguska – Die Kisten sind da
• 1992: Terror 2000 – Intensivstation Deutschland
• 1992: Gossenkind
• 1993: Domenica
• 1994: Tod eines Weltstars – Udo Kier (TV)
• 1994: Abschied von Agnes
• 1996: United Trash
• 1997: Silvester Countdown
• 1997: Die 120 Tage von Bottrop
• 2003: Hamlet X
• 2004: Freakstars 3000
• 2004: Silentium
Fernsehen :
• 1992: Udo Kier – Tod eines Weltstars (WDR)
• 1997: Talk 2000 (VOX)
• 2000: U 3000 (MTV)
• 2002: Freak Stars 3000 (VIVA)
• 2002/04: Durch die Nacht mit … (ZDF/ARTE)
Theater :
• 1993: 100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen (Volksbühne Berlin)
• 1994: Kühnen ’94 – Bring mir den Kopf von Adolf Hitler (Volksbühne Berlin)
• 1995: Hurra, Jesus! Ein Hochkampf! (steirischer herbst, Graz)
• 1996: Rocky Dutschke '68 (Volksbühne Berlin)
• 1997: Schlacht um Europa I–XLII (Volksbühne Berlin)
• 1998: Artisten in der Zirkuskuppel – Ratlos (Volksbühne Berlin)
• 2001: Berliner Republik (Volksbühne Berlin)
• 2001: Erster imaginärer Opernführer (Zusammen mit Alexander Kluge, Volksbühne Berlin)
• 2001: Hamlet (nach William Shakespeare, Schauspielhaus Zürich)
• 2001: Rosebud (Volksbühne Berlin)
• 2002: Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe (Volksbühne Berlin)
• 2003: ATTA ATTA – Die Kunst ist ausgebrochen (Volksbühne Berlin)
• 2003: Bambiland (nach Elfriede Jelinek, Burgtheater, Wien)
• 2004: Attabambi-Pornoland (nach Elfriede Jelinek, Schauspielhaus Zürich)
• 2004: Kunst und Gemüse (Einladung zum Berliner Theatertreffen, Volksbühne Berlin) mit Angela Jansen
• 2005: Fickcollection, A. Hipler (Deutschlandweite Theatertournee)
• 2005: African Twintowers – der Ring 9/11 (Namibia)
• 2006: Area 7 Matthäusexpedition (Burgtheater, Wien)
• 2006: Kaprow City (Volksbühne Berlin)
• 2008: Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord)
• 2008: Der Zwischenstand der Dinge (Maxim-Gorki-Theater, Berlin)
• 2009: Mea Culpa – eine ReadyMadeOper (Burgtheater, Wien)
• 2009: Sterben lernen
• 2010: Remdoogo – Via Intolleranza II (Bayerische Staatsoper, München).
Aktionen :
• 1997: Mein Filz, mein Fett, mein Hase – 48 Stunden Überleben für Deutschland (Documenta X, Kassel)
• 1997: Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland (Deutsches Schauspielhaus, Hamburg)
• 1998: CHANCE 2000 – Wahlkampfzirkus, Wahlkampf, Baden im Wolfgangsee, Wahlkampftournee
• 1998/9: CHANCE 2000 – Dialog im Zirkus: „Wähle dich selbst“ [5] als Teil des Wahlkampfzirkus, Berlin
• 1998: 7 Tage Entsorgung für Graz
• 1999/2000: Deutschlandsuche '99
• 2000: Bitte liebt Österreich (Wiener Festwochen)
• 2002: Aktion 18 – Tötet Politik!
• 2003: Church of Fear (Biennale Venedig)
• 2004: Wagner-Rallye (Ruhrfestspiele Recklinghausen)
• 2005: Der Animatograph (Island/Deutschland, Reykjavik Arts Festival)
• 2006: Chickenballs – Der Hodenpark (Museum der Moderne Salzburg)
Oper :
• 2004–2007: Parsifal (Bayreuther Festspiele)
• 2007: Der Fliegende Holländer (Teatro Amazonas Manaus, Brasilien)
• 2007: Freax (Oper von Moritz Eggert im Rahmen des Internationalen Beethovenfestes Bonn)
• 2008: Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna, Oper von Walter Braunfels (Uraufführung), Deutsche Oper Berlin
• 2009: Mea Culpa, eine Readymade Oper, Burgtheater, Wien
• 2010: Metanaoia. Über das Denken hinaus, Oper von Jens Joneleit (Uraufführung), Staatsoper Berlin im Schillertheater
Quelle :
http://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schlingensief
