Sometimes Happy - Bollywood
Der Erfolg kam nicht ganz unerwartet, aber sehr wohl unvermittelt: Bollywood-Filme haben inzwischen auch in Deutschland ein großes Publikum gefunden. Zwar nicht im Kino, aber um so mehr im Fernsehen und auf DVD. Hohe Einschaltquoten und traumhafte DVD-Verkäufe in den oberen Chartsplätzen der Top Ten lassen aufhorchen.
Das indische Kino war lange Zeit nur einem kleinen Kreis von Arthaus-Liebhabern bekannt. Höchstens auf Filmfestivals konnte man hin und wieder kunstgewerbliche Autorenfilmer entdecken, meist mit Sozialdramen, die sich oft als entfernte Verwandte des Neorealismus auswiesen.
Mira Nair etwa, deren Armutselegie "Salaam Bombay" 1988 für den Auslandsoscar nominiert wurde, oder Ashutosh Gowariker, Karan Johar und Satyajit Ray. Das Mainstreamkino des Subkontinents blieb hingegen ein diffuser Mythos: die weltweit größte Filmindustrie, überlange, berauschende Spektakel, opernhafte Kitschmusicals mit Minimalhandlung, sex- und gewaltfrei, dafür überladen mit Pathos und Bombast.
Kunstname Bollywood
Diese Filme gab es außerhalb Indiens nur in den Enklaven der ausgewanderten Inder oder Pakistani zu sehen. In London und den großen Küstenstädten der USA, vor allem in New York. Dort haben sich Kinos auf den indischen kommerziellen Film spezialisiert, auf Bollywood.
Das Kunstwort setzt sich aus Bombay und Hollywood zusammen. Bombay heißt mittlerweile offiziell Mumbai und viele der Filme werden anderorts gedreht. Dennoch hat sich der Name als allgemeiner Dachbegriff etabliert - auch wenn damit zahlreiche Filmmekkas wie Kollywood im tamilischen Südindien eingeordnet sind, die in Dutzenden verschiedener Sprachen produzieren, die meisten aber in den vier Hauptsprachen Hindi, Bengali, Telegu und Tabil.
Indien öffnet sich dem Westen
Seit einiger Zeit ist der indische Film im Westen deutlich präsenter als zuvor. Ein Grund für die wachsende internationale Beliebtheit ist die wirtschaftliche Öffnung des Landes.
In dem filmbegeisterten Land, in dem der Anteil von US-Blockbustern weniger als fünf Prozent beträgt, ist ein Umdenken vom lokalen zum internationalen Absatz nur schwer vermittelbar. Nach längerer Anlaufzeit erst haben sich Strukturen für den Exportmarkt entwickelt, der selbst jetzt noch in den Kinderschuhen steckt. Der zunehmende Wunsch nach Exotik sowie eine kulturelle Globalisierung beeinflussen die gesteigerte Nachfrage. Alle bedeutenden westlichen Festivals nahmen den indischen Film in all seinen Facetten letztens verstärkt ins Programm.
Internationale Anerkennung
Kurz darauf wurde "Lagaan - es war einmal in Indien" von Ashutosh Gowariker als bester ausländischer Film für den Oscar 2002 nominiert. Das vierstündige Sportabenteuer spielt zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft. Verzweifelte indische Bauern müssen die Engländer im Cricket besiegen, um eine drakonische Steuererhöhung abzuwenden. Das farbenprächtige Spektakel brodelt vor überkochenden Gefühlen und schwungvollen Gesangs- und Tanznummern, vermeidet aber weitgehend den gängigen melodramatischen Stil.
Exportschlager
Aber erst als im selben Jahr "Devdas", eine opulente Romanverfilmung, besetzt mit drei der größten indischen Stars Shahrukh Khan, Miss India Aishwarya Rai und Madhuri Dixit, in Cannes für Furore sorgte, begann der europäische Bollywood-Boom, der an Deutschland mangels indischer Communities vorerst vorüberging.
Bald schon interessierte sich der erste deutsche Verleih für eine echte Bollywood-Reihe: Rapid Eye Movies brachten "Sometimes Happy Sometimes Sad/In guten wie in schweren Tagen" von Karan Johar erst ins Kino, dann auf DVD.
"In guten wie in schweren Tagen" ist ein klassisches Bollywood-Event und vereint mit Shahrukh Khan und Amitabh "Big B" Bachchan den größten Jung- und den größten Altstar des indischen Kinos.
Bollywood erobert Deutschland
Als RTL2 mit REM kooperierte und im Mai dieses Jahres mit seinem dritten Bollywood-Schmöker "Main hoon na/Ich bin immer für dich da!" von Farah Khan einen Quotencoup zur Primetime landete, schnellte auch der DVD-Verkauf in obere Chartshöhen.
Vorbilder von "Die Feuerzangenbowle" bis "Matrix" fließen dabei zum hemmungslos bunten Crossover ein. Diesen Erfolg möchte der Sender gerne wiederholen und hat für Sommer "Kuch Kuch Hota Hai/Und ganz plötzlich ist es Liebe"" von Karan Johar angekündigt: Khan und Kinoprinzessin Kajol geben in der luftigen Romanze ein College-Liebespaar, dessen Gefühle in einer Ménage-à-trois zu zerbrechen drohen.
Im Herbst soll dann "Veer & Zaara - Die Legende einer Liebe" folgen. In Indien war die völkerverbindende, emanzipatorische Liebesgeschichte zwischen einem Inder (Khan) und einer Pakistani (Preity Zinta) einer der ganz großen Kassenerfolge.
Indische Filmfeste
Yash Chopras neuestes Werk "Black", eröffnete das "Bollywood and beyond"-Festival, das sich ganz dem indischen Unterhaltungskino verschrieben hat. Auf der zweiten Ausgabe des Filmfests im Juli dieses Jahres gaben sich in Stuttgart 6.500 Gäste die Ehre.
"Indian Love Story - Kal Ho Naa Ho/Lebe und denke nicht an morgen", produziert von Karan Johar, gehört ebenfalls zum momentanen Chartsrepertoire der Kauf-DVDs. Die farbenfrohe New Yorker Lovestory und Musikrevue war vor allem im englischsprachigen Ausland ein Hit, ging bei uns im Kino unter und holt ihren Erfolg jetzt auf DVD nach. Die Hauptrollen teilen sich wieder Khan und Preity Zinta, die beide auch in "Dil Se - von ganzem Herzen" produziert von Shekhar Kapur) zu sehen sind. Dessen typischer Romantikplot wird durch Krimispannung und deutliche Sozialkritik geadelt.
Indien passt sich dem Westen an
Indes ist Indien dabei, sich nach einer schweren finanziellen Krise zu erholen und eine progressive Filmnation zu werden. Sie wollen sich mehr westlichen Sehgewohnheiten anpassen. Ausgerechnet die für den Export bestimmten extralangen Premium-Produkte laufen nämlich dort besonders schlecht. Das heimische Publikum bevorzugt kürzere Laufzeiten von 120-160 Minuten und vor allem eins: Genrefilme.
Es könnte also durchaus sein, dass die "klassische" Bollywood-Gala für die ganze Familie bald kräftig um altgediente Sparten wie Action, Horror, Thriller und Krieg aufgestockt wird. Ist das Masala-Angebot in Deutschland ohnehin noch überschaubar, wird es bei Genreware gänzlich dürr: Lediglich der Actioner "Mission Kashmir: Der blutige Weg der Freiheit" (mit Preity Zinta) ist schon länger auf DVD erhältlich.
Unentdeckte Perlen
Dabei mangelt es nicht an Auswahl: Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest läuft der an "Predator" angelehnte, muntere Creature-Thriller "Kaal", den Shahrukh Khan produzierte. Das groß budgetierte B-Picture machte in Indien bereits einen guten Schnitt und soll demnächst auf DVD veröffentlicht werden.
Noch keinen Verleih haben dafür Perlen wie Ram Gopal Varmas "Company" gefunden, der als indischer "Pate" alle Aufmerksamkeit verdient hätte. Oder der höllische "AKS - The Reflection" der einen übernatürlichen Actionthriller in "Dämon"-Manier entfacht. Diese beiden stehen stellvertretend für ein gigantisches Potenzial an noch möglichen Veröffentlichungen, denn bislang ist kaum mehr als die Spitze des Eisbergs aufgetaucht.
Goldgrube Bollywood
So erfasste die indische Filmbehörde CBFC 2004 ganze 934 Spielfilme, im Jahr davor 877, 2002 sogar 943, fast doppelt so viel wie die ganze USA im gleichen Zeitraum. Diese enormen Zahlen beziehen sich jedoch auf das gesamte indische Kino, Bollywood schafft 250 bis 300 Stück jährlich - genauso viel übrigens wie Hollywood.
Es herrscht also Goldgräberstimmung und die Verleiher brauchen sich nur zu bedienen, so wie es REM vorgemacht haben, die sich mühelos die jeweils größten Kassenerfolge gesichert haben. Das ist, als hätte ein indischer Verleih sich "Star Wars", "Titanic" & Co. ohne Konkurrenz zum Schnäppchenpreis herauspicken können.
Insgesamt bietet das indische Schlaraffenland mehr Auswahl als andere asiatische Filmnationen zu ihrer Entdeckerzeit und könnte bald ein ernst zu nehmender Marktfaktor werden. Chartsplatzierungen und TV-Quoten sollten jeden Skeptiker von dem beginnenden Aufschwung überzeugen können.
Quelle: Torsten Krüger:
kino.de