KABHI KHUSHI KABHIE GHAM
(In Guten Wie In Schweren Tagen, 2001)
Der Film Kabhi Khushi Kabhie Gham (In Guten Wie in Schweren Tagen) soll an dieser Stelle ausführlich besprochen werden, da er der erste Bollywoodfilm ist, der mit deutschen Untertitel und Synchronisation versehn wurde und in der Schweiz und in Deutschland in fast allen Groß und Kleinstädten zu sehen war.
Regie: Karan Johar
Drehbuch: Karan Johar und Sheena Parikh
Darsteller: Amitabh Bachchan, Jaya Bachchan, Shah Rukh Khan, Hrithik Roshan, Kajol (Mukherjee) Devgan, Rani Mukherjee und Kareena Kapoor
Der Film „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ von Karan Johar schaffte es, innerhalb und außerhalb indischen Subkontinents zu einem Filmklassiker zu werden. In Indien lief er sechs Monate in den Kinos, das ist für einen Mainstreamfilm eine lange Zeitspanne. In den USA schaffte er es, in der ersten Spielwoche in den Top Ten der Filmcharts aufgenommen zu werden, und in Großbritannien erreichte er den dritten Platz der UK Top Charts und wurde nur von Harry Potter geschlagen.
Auch die deutschsprachige Bevölkerung kam 2002, während der indischen Filmwochen, die in ganz Deutschland stattfanden, in den Genuss, diesen Film mit Englischen Untertitel zu sehen. „kabhi Khushi Kabhie Gham“ wurde bei deutschen Kinobesuchern ein voller Erfolg, und man wagte daraufhin den Versuch, den Film deutsch zu untertiteln. Man wollte so einen größeren Zuschauerkreis erreichen und die Möglichkeit bieten, auch außerhalb einer Filmwoche einen Bollywoodfilm sehen zu können. April 2003 war es dann soweit, dass die Filmfassung in die deutschen Kinos kam.
„Kabhi Khushi Kabhie Gham“ steht für eine zeitgenössische Bollywoodgewürzmischung, in der indische Werte und Traditionen mit aktuellen gesellschaftlichen Trends vermischt werden. Eine weitere Besonderheit dieses Films ist das Zusammenspiel der Megastars aus verschiedenen Generationen, z.B. Amitabh Bachchan, seine Frau Jaya Bachchan, Shah Rukh Khan, Hrithik Roshan, Kajol und Kareena Kapoor. Das Schauspielehepaar Bachchan steht bei diesem Film erstmals nach 18 Jahren wieder gemeinsam vor der Kamera.
„Kabhi Khushi Kabhie Gham“ wurde in einem Zeitraum von zehn Monaten gedreht und ist Karan Johars zweiter erfolgreicher Film. 1998 landete der damals 28 Jahre junge Regisseur bereits einen Hit mit seinen Debütfilm „Kuch Kuch Hota Hai“ (Und Ganz Plötzlich Ist Es Liebe). Johar zählt zu den talentiertesten und erfolgsversprechendsten Nachwuchsregisseuren Bollywoods; er schreibt auch Drehbücher, entwirft Kostüme, steht selbst als Schauspieler vor der Kamera oder arbeitet als Produzent.
Karan Johar ist der Sohn des berühmten Produzenten Yash Johar(Gestorben 2004), der auch dieses Mal den Film produziert hat. In dem Buch „The making of Kabhi Khusi Kabhie Gham“ erzählt Karan Johar von seiner besonderen Beziehung zu seinem Vater, der ihn in jeglicher Hinsicht unterstützt und immer wieder an seine Projekte geglaubt hat. Der Name „Yash“ der Vaterfigur in diesem Film hat somit eine tiefere Bedeutung. Karan Johar ist sehr froh und stolz, eine solchen Menschen als Vater zu haben.
Karan Johar betont im Vorwort des Buchs, dass der Film für ihn thematisch ein sehr persönlicher sei: „Die Charaktere, Szenen und Momente sind Herleitungen aus meinem Beobachtungen, meinem Leben und meiner Beziehung zu meinen Eltern“.
Als Quelle der Inspiration für das emotionale Drama „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ diente Karan Johar ein französischer Film, den er einmal gesehen hatte, der Titel wird in seinem Buch nicht erwähnt. Dieser Film spielt im 18. Jahrhundert, handelt von zwei miteinander verfeindeten Familien, die im Verlauf der Geschichte mit Hilfe der beiden Schwiegertöchter wieder miteinander versöhnt werden.
Filmtitelvorschlag und die Idee, das Drama für die Hindiversion mit zwei männlichen Darstellern zu besetzen, hatte Aditya Chopra, ein berühmter Bollywood Regisseur und Freund Karans. Das Drehbuch zum Film schrieb Karan Johar selber, Sheena Parikh assistierte ihm dabei. Gegen die übliche Bollywoodmanier engagierte er keine Autoren für die Ausarbeitung des Drehbuchs. Karan Johar begründet dies damit, dass er cineastisch gesehen nur seine eigene Sprache sprechen könne.
Schon die Filmwidmung „Alles dreht sich um die Liebe der Eltern“ trifft das Thema des Films auf den Kopf. Es geht um ein Familiendrama, 210 Minuten lang erleben wir die Geschichte Raichands, einer äußerst wohlhabenden und angesehnen Familie aus Delhi. Das Familienglück zerbricht in dem Moment, als Yash und Nandinis Adoptivsohn Rahul sich in Anjali Sharma, die Tochter eines Süßwarenhändlers, verliebt. Sein Vater wünscht für Rahul jedoch eine ihm standesgemäße Braut. Als sein Sohn sich weigert, in die für ihn arrangierte Ehe einzuwilligen, wird er verstoßen. Rahul emigriert daraufhin mit Anjali, deren Schwester Pooja und dem Hausmädchen Daijaan(DJ) nach London und baut sich dort seine neue kleine Welt auf. Rohan, sein jüngerer Bruder, der während diesem Ereignis im Internat ist, erfährt erst zehn Jahre später bei einem Besuch seiner Großmütter die Wahrheit über Rahul und seine Emigration. Er beschließt daraufhin, die Familie wieder zu vereinen.
Die Bedeutung der Familie in Indien
Das Thema Familie wird in Bollywoodfilmen fast immer ständig behandelt. Damit wir Karan Johars Film besser verstehen können, ist es wichtig, kurz etwas über die Bedeutung der Familie in der indischen Gesellschaft zu sagen. Die Familie hat in Indien noch viel höheren und wichtigeren Stellenwert als im Westen. Sie bietet die einzige soziale Absicherung bei Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit. Der Gruppenverband gibt dem Inder Geborgenheit und ökonomische Sicherheit. 99 Prozent der Bevölkerung brauchen die Familie zum Überleben. Isolation wird gefürchtet, deshalb sind Gehorsam und Anpassung die Schlüsselelemente zu einem reibungslosen Zusammenleben. Die Inder sehen sich als Teil einer Gruppe, zu deren Wohl sie beizutragen haben. Alles ist auf Gemeinsamkeit aufgebaut, jedes Mitglied hat seine Aufgabe und seinen Platz. Alleinsein oder Absonderung ist nicht vereinbar mit dem Prinzip der Großfamilie. Die indische Gesellschaft ist patriarchalisch aufgebaut und wird kurz auch Bapukratie „Herrschaft der Väter“ genannt. Männer dominieren über Frauen und Ältere über Jüngere. Das absolute Oberhaupt einer indischen Großfamilie ist der Vater bzw. der erstgeborene Sohn. Sein Wort, seine Bitte sind „Gotteswort“, er ist die beherrschende Figur innerhalb der Familie. Dies geht so weit, dass er über die Angelegenheiten seiner jüngeren Brüder bestimmt. Stirbt der Vater, tritt seine Stelle der älteste Sohn, die Familie bringt ihm dann den gleichen Respekt entgegen wie vorher dem Vater. Die Stellung der Frau in der Familie hängt von der Stellung ihres Ehemannes ab, je nach dem, ob er der jüngste oder der älteste Sohn der Familie ist. Den untersten Platz in dieser Hierarchie nehmen die angeheirateten Frauen ein.
Dass indische Männer im allgemeinen ************** sind, zeigt auch der Film „Kabhi Khushi Kabhie Gham“. Rahul und seine Mutter haben eine sehr intensive Beziehung zueinander. Er ist der ersehnte Sohn und Stammhalter, der die Familie komplett macht. Der Sohn wird in Indien als eine Art sozialer Erlöser gesehen und wird von der Mutter besonders verwöhnt. Erst mit der Geburt eines Sohnes erfüllt die angeheiratete Schwiegertochter ihre Aufgabe, bekommt eine Identität und wird vom sozialen Druck einer patriarchalischen Gesellschaft befreit. Söhne bringen Prestige, sichern den familiären Fortbestand, kosten keine Mitgift, bleiben meistens bei der Familie und regeln die Beerdigung des Vaters. Rahuls Mutter hat eine telepathische Beziehung zu ihrem Sohn, sie spürt seine Anwesenheit und sein Befinden auch über große Entfernung hinweg.
Dramaturgischer Aufbau
„Kabhi Khushi Kabhie Gham“ ist wie alle anderen Bollywoodfilme nach dem Rasa Regeln des „Natyaveda“, dem „Heiligen Buch der Dramaturgie“ aufgebaut. Emotionen wie Freude, Trauer, Furcht und Komik wechseln sich ab. Der Zuschauer reist durch ein wildes Wechselbad der Gefühle. Auch dieser Film ist, wie alle indischen Mainstreamfilme, durch ein Intervall (Pausenhalbzeit) in zwei große Teile unterteilt. Thematischer Ausgangspunkt des Films ist die Wiedervereinigung der Familie. Karan Johar schrieb das Drehbuch in Segmenten, d.h. er hatte bestimmte Vorstellungen von den Hauptszenen, um die dann der Rest der Geschichte gesponnen wurde. Das erste Teil des Films spielt in Delhi und zeigt in Rückschau die Beziehungen und Lebensverhältnisse der Familien Raichand und Sharma. Der zweite Teil hat vorwiegend England als Schauplatz und handelt von Rohans Suche nach seinem Bruder und seinem Ziel, die Familie wiederzuvereinen.
Der Held Rohan wird als Sieger eines Kricketspiels eingeführt. Warum gerade ein Kricketspiel als Einführung? Die meisten Inder sind Kricketfans, was in Europa der Fußball, ist in Indien das Kricketspiel. Es ist Nationalsport. In den Kinopalästen der Großstädte werden sogar Live Übertragungen von Kricketspielen gezeigt. Karan Johar vollführt so einen ausgeklügelten Schachzug, um die indischen Zuschauer gleich von Beginn an das Geschehen mit hineinzureißen. Nach dem Kricketspiel besucht Rohan seine Großmütter und erfährt von ihnen rein zufällig, dass sein Bruder Rahul adoptiert wurde und den Grund für den Familienkonflikt, der zur Trennung führte.
In einem Rückblick, der zehn Jahre zurückreicht, liegt nun die Haupthandlung des ersten Teils. Die Rückschau beginnt mit dem letzten gemeinsamen Diwalifest im Haus der Raichands. Gezeigt wird werden die Lebensverhältnisse und Beziehungen der Familie. Karan Johar zeigt im seinem Film gerade Diwali, da diese Fest von allen Indern weltweit gefeiert wird. Es ist religiös- und kastenübergreifend und vermittelt somit ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Da dieser Film ein Familiendrama ist und Diwali ein wichtiges Familienfest in Indien ist, kommt Diwali hier ein besonderer Stellenwert zu. Karan Johar zeigt im Zeitraum von zehn Jahren zwei unterschiedlich inszenierte Diwalifeste. Am Anfang des Films wird es noch als berauschendes, farbenprächtiges und fröhliches Fest mit Musik, Gesang und Tanz gezeigt. Das Haus der Raichands ist voller Leben und Freude, alle Familienangehörigen, Verwandten und Freunde sind gekommen. Es wird eine heile Welt gezeigt mit glücklichen Familienmitgliedern.
Die Titelmelodie, das Leitmotiv des Films, das bei der religiösen Zeremonie gesungen wird, ist ein so genannter family aarti und stellt die Hauptdarsteller und ihre Beziehungen zueinander vor: „In Zeiten des Glücks und des Leids. Nichts vermag uns zu entzweien, nicht im Glück, nicht im Leid. Ich spüre dich in jedem Atemzug mein Leben gehört dir allein… ich bete dich an, mein Leben lang. Alles liegt in deiner Hand, in Zeiten des Glücks und des Leids“
Diwali - das Lichterfest
Diwali gehört zu den spektakulärsten und buntesten religiösen Festen in Indien. Das genaue Datum variiert immer, da in Indien nach dem Mondkalender gerechnet wird. Auf jeden Fall findet es im Spätherbst im Hindumonat „Ashwin“ statt, d.h. zwischen Oktober und November. Das Wort Diwali ist eine verkürzte Form von Deepawali, wobei Deepa „Licht“ und avali „Reihe oder Linie“ bedeutet. Diwali hat in Indien den gleichen Stellenwert wie bei uns Weinachten und Neujahr zusammen und wird als Erneuerung des Lebens betrachtet. An diesem Tag werden alte Lampen weggeworfen und neu gekauft. Auch großer Hausputz ist angesagt, überall sieht man Frauen die Böden fegen und wienern. Reinheit ist oberste Gebot.
Im Spätherbst vollzieht sich nach Glauben der Inder ein Energiewechsel im gesamten kosmischen System. Das Wort Licht ist in dem Wort „Erleuchtung“ enthalten. Die Tage des Diwali sollen zur Erleuchtung des Geistes beitragen und die Dunkelheit verbannen. Das Licht soll Wissen und Menschlichkeit verbreiten und helfen, die wahren Werte des Lebens zu bewahren. Fünf Tage lang wird gefeiert und zelebriert, jedem Tag kommt eine besondere Bedeutung zu, an dem eine bestimmte Legende aus den Epen erzählt wird. Beispielsweise gedenkt man auch der Krönung des Prinzen und Gottes Rama, der nach 14 Jahren aus seiner Verbannung zurückkehrte, nachdem er denn Dämonen Ravana besiegt hatte. Mit Diwali feiert man den Sieg des Guten über das Böse. Diwali wird ebenfalls mit der Göttin Lakshimi, der Göttin des Wohlstands, in Verbindung gebracht. Die Geschäfte sind in ganz Indien an diesem Tag geschlossen. Brauch ist es, das Kontobuch vor ein Bild Lakshimis zu legen und um bessere Einnahmen für das nächste Jahr zu beten, Lakshimi soll angeblich nur Häuser besuchen, die besonders gut beleuchtet sind. Familien bemühen sich deshalb, ihre Häuser mit Lampen und Kerzen hell zu erleuchten und mit Blimengirlanden zu verzieren. Wohlsand und Reichtum werden in Indien nicht als etwas Negatives angesehen, sie stehen im Gegenteil als Auszeichnung für gute Taten in vorangegangenen Leben. In Tagen des Diwali werden die besten Kleider angezogen. Kinder bekommen Geschenke und Neujahrswünsche. Vor dem festlichen Essen besucht man den Tempel, danach wird mit der Familie und Freunden zu Hause oder im Tempel ausgelassen mit Musik und Tanz gefeiert.
Zurück zum Film. Nach dem Diwalifest ändert sich langsam die Stimmung in der Familie Raichand. Die erste Auseinandersetzung beginnt zwischen den Eltern in der Abendessenszene. Mutter Nandini überrascht dabei den Zuschauer mit ihrer modernen Anschauung in Bezug auf freie Ehepartnerwahl. Sie befürwortet ihm Gegensatz zu ihrem Mann und der Großmutter, dass junge Leute sich ihre Partner selbst aussuchen sollen und nicht mehr von den Eltern verheiratet werden müssen. Ihr Ehemann möchte von diesen Neuerungen nichts wissen und unterbricht sie barsch. Es kommt in dieser Szene zur Vorwegnahme des sich bald drauf ereignenden Konflikts zwischen Vater und Sohn.
Konflikt Yash und Rahul
Die erste Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn erfolgt, als Rahul nicht in die vom Vater arrangierte Ehe mit Naina einwilligen will. Er kennt Naina seit seiner Kindheit, empfindet jedoch nur freundschaftliche Gefühle für sie. Für Yash ist sie die ideale Ehefrau und Schwiegertochter. Rahul gesteht ihm, dass er sich in Anjali verliebt hat, doch der Vater kann diese Beziehung nicht akzeptieren. Er versucht, seinen Sohn umzustimmen, indem er ihn moralisch erpresst und ihm die Unmöglichkeit der Verbindung vor Augen hält.
Karan Johar spielt hier mit allen filmischen Möglichkeiten, die der Spannungsbildung dienen. Das Element Gewitter bzw. Donner hat hier keine reale, sondern eine symbolische Bedeutung. Die Dinge werden zur bildhaften Aussage seelischer Vorgänge. Der Donner ist Ausdruck für Yashs Zorn und kündigt nahendes Unheil an. Die Szenerie ist in Gewitterlicht getaucht. Die Worte des Vaters hallen überlaut durch den Raum und werden von Donner und Blitzeinschlägen durchsetzt.
Die Bedeutung der Hochzeit und der arrangierten Ehe
Die meisten indischen Ehen werden auch heutzutage noch von den Eltern arrangiert. Das bedeutet, dass die Eltern den passenden Ehemann bzw. die passende Ehefrau für ihre Kinder aussuchen. Ausschlaggebend für eine gute Partnerwahl sind die Herkunft der Familie und die Ausbildung, die er oder sie vorzuweisen hat. Meist kennen sich die Eltern schon vor der Auswahl, sie wollen mit der gegenseitigen Verheiraten ihrer Kinder die Freundschaft intensivieren und eine neue wirtschaftliche Einheit gründen. Liebe spielt bis vor wenigen Jahren bei der Auswahl des Ehepartners im Allgemeinen keine Rolle. Die Liebe, so heißt es, kommt mit den fortschreitenden Jahren. Man sah die Ehe als Symbiose, die der Lebensabsicherung dienen sollte. Geheiratet wird gemeinhin traditionell in der eigenen Kaste. In den Großstädten sind heutzutage jedoch zwischenkastliche Ehen keine Seltenheit mehr. Ebenso ist die so genannte arrangierte „Love- marriage“ (arrangierte Liebesheirat) bei Indiens jüngerer Generation im Trend. Die Partner lernen sich vor der Ehe kennen, verlieben sich ineinander und bitten dann ihre Eltern, die Ehe für sie zu arrangieren.
In „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ geht es unter anderem um den Konflikt arrangierte Heirat/ Liebesheirat. Der Film spiegelt damit ein aktuelles Thema in der indischen Gesellschaft wider. Yash verkörpert die alte Generation, die an den Bräuchen festhalten möchte, und Rahul repräsentiert Indiens jüngere Generation, aufgewachsen und hin und her gerissen zwischen der alten und der neuen modernen Welt, zwischen Anpassung und individuellen Wünschen.
Rahul nimmt sich vor, die Wünsche seines Vaters zu erfüllen, doch es kommt alles anders. Als er nach Chandi Chowk geht, um Anjali vom Ende ihrer Beziehung zu unterrichten, sieht er sie bei der Beerdigung ihres Vaters. In dem Moment fühlt er, dass er sie liebt, als dass er sie verlassen könnte Rahuls Liebe zu Anjali ist letztendlich stärker als der Wille des Vaters. Bei der Beerdigungsszene trifft Rahul die Entscheidung, Anjali zu heiraten und sie nicht im Stich zu lassen, da sie nun Vollwaise ist. Nach dieser Szene erfolgt die Katastrophe. Als Rahul ein zweites Mal seinem Vater den Beschluss, Anjali zu heiraten, mitteilt, kommt es zum Auseinanderbrechen der Familie. Yash bricht das Tabuthema der Adoption und wirft Rahul vor, nicht sein wahrer Sohn zu sein: „Heute hast du den Beweis erbracht, dass du nicht mein Sohn bist. Nicht mein Sohn. Den Beweis, dass das Blut in deinen Adern nicht meins ist.“
Rahul kann es nicht fassen, er hat mit allem möglichen Ärger gerechnet, aber niemals damit, dass sein Vater ihn als Sohn verleugnet und ihn indirekt des Hauses verweist. Er ist vollkommen fassungslos und geschockt und glaubt, dass sein Vater ihn nun nicht mehr liebt. Da der Vater ihn nicht zurückhält, beschließt er, die Familie zu verlassen.
Der Vater fühlt sich nicht respektiert und meint, dass der Sohn durch sein Verhalten seine Autorität untergraben habe.
Für einen Inder ist der schlimmste Verlust der Familie. Fragt man einen Inder, was ihm am meisten am Herzen liegt, wird er wohl antworten: „Meine Familie, was denn sonnst?“. Die Familie gibt Wärme und Geborgenheit, Inder sind im Gegensatz zum Europäer Gruppenmenschen, die erst im Gruppenverband richtig aufblühen und kaum den Wunsch nach Alleinsein verspüren. Mit diesem Hintergrundwissen kann man das Ausmaß dieser Katastrophe als Europäer besser nachvollziehen.
Nach diesem langen Rückblick (fast 100 min.) springt die Handlung kurz vor Ende des ersten Teils wieder in die Gegenwart zurück. Rohan verlässt die beiden Großmütter und besucht seine Eltern. Es ist wieder Diwali. Das nun folgende Diwalifest wirkt gegenüber den ersten leblos und deprimierend. Das Ehepaar Raichand scheint verloren und isoliert in seinem riesigen Haus zu sein, da außer ihrem jüngsten Sohn Rohan niemand zu Besuch gekommen ist. Stilistisch hat in dieser Szene ein Farbwechsel bzw. ein verblassen der Farben in den Bildern stattgefunden: Während beim ersten Diwali noch kräftige bunte Farben vorherrschten, wirkt die Kulisse mit ihren weißen und dunklen Farben nun eher kalt und unpersönlich. Die menschliche Wärme und Lebensfreude ist seit dem Weggang Rahuls aus dem Leben der Raichands gewichen. Die Familie ist nicht mehr vollständig.
Der zweite Teil der Geschichte handelt von Rohans Suche nach seinem Bruder in London. Der Schauplatz ist überwiegend London. Eingeführt wird dieser Ortswechsel mit einer Überblendung des Abschieds von Eltern in eine Luftaufnahme über London. Es folgen schnelle Schnitte mit „Weißenblitzen“, kurzen Blitzen zwischen den Bildern, wie sie in amerikanischen Serien benutzt werden. Man sieht Rohan durch die Stadt laufen. Rasches Tempo, schiefe Bilder und Achsen stellen den Kontrast zu Indien da. Doch Indien fliegt im Herzen mit, eine Indienfahne, die durchs Bild weht, und der Hindu- Nationalsong „Vande mataram“, der die Szene begleitet. Das Lied verbindet schließlich Rohans Ankunft mit dem Übergang zu Rahuls Familie.
Es folgt ein Einblick in den Alltag von Rahuls Familienleben, das nach außen hin einen glücklichen Eindruck macht. Auf seiner Suche nach dem Bruder begegnet Rohan Anjalis jüngerer Schwester Pooja, die inzwischen zu einer attraktiven jungen Dame herangewachsen ist.
Er bittet sie um Mithilfe, und sie stimmt seinem Plan zu. Rohan wird als Bruder einer Freundin ausgegeben, der gerade aus Indien kommt und Obdach sucht. Rahul erkennt seinen inzwischen erwachsen gewordenen Bruder nicht wieder und verhält sich im ersten Moment überaus skeptisch, spürt denn jedoch, dass dieser Mensch ihm nicht so fremd ist, wie er meint.
Rohan versucht im Verlauf seines Aufenthalts mit verschiedenen Taktiken, das Vertrauen des Bruders zu gewinnen und ihn dazu zu bringen, dass er sich wieder an seiner Eltern erinnert.
Das Karwa Chauth - Fest
Dieses Fest ist ein weiterer wichtiger Bestandteil in Johars Film, aber auch in vielen anderen Bollywoodfilmen. Karwa Chauth wird vorwiegend in Nordindien gefeiert. Es findet neun Tage vor Diwali statt und ist das wichtigste Fest für verheiratete Hindufrauen. Vor Sonnenaufgang nehmen sie ein rituelles Bad und fasten dann für ihre Männer bis Mondaufgang. Dieses Opfer soll Wohlstand, Gesundheit und Glück für den Ehemann bringen. Eine ältere Frau des Hauses erzählt die Geschichte Karwa Chauth. Wenn der Vollmond zu sehen ist, wird das Fasten beendet und die Frauen kleiden sich mit besonders prächtigen Saris. Dann wird das Mondlicht mit einem durchsichtigen Tuch, eine Art Filter, das an einen Reifen gespannt ist, eingefangen und vor das Gesicht des Ehemannes gehalten. Danach wird eine Puja (Segenritual) vor ihm zelebriert. Der Mond symbolisiert Fülle und Ganzheit. Bei diesem Fest sollen hinduistische Werte wie Zuverlässigkeit und Liebe, Treue und Selbstlosigkeit gezeigt werden. Danach wird ausgelassen und gegessen.
Dem Karwa Chauth- Fest in diesem Film kommt die Funktion zu, unauffällig den Kontakt zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter wiederherzustellen. Rohan erklärt Anjali, dass am Karwa Chauth- Fest die Schwiegermutter der Schwiegertochter den Sargi (eine Art Ehegelöbnis und symbolische Opfergaben) sendet. Doch da Anjali keinen Kontakt zur Schwiegermutter hat, gibt er vor, dass auch eine ältere Frau ihr den Sargi zukommen lassen kann. Rohan ruft Nandini an und bittet seine Mutter um Hilfe. Beide telefonieren miteinander, ohne zu wissen, wen sie da am anderen Ende der Leitung haben.
Nach vielem Hin und Her erkennt Rahul schließlich seinen Bruder und es folgt ein gefühlvolles Zusammentreffen. Danach ist nur noch das Problem der Rückkehr zur Familie zu lösen, was Rohan am Ende natürlich gelingt. Der Vater bittet seine Söhne um Verzeihung und erkennt, dass es manchmal die Jüngeren sind, die den Älteren den richtigen Weg weisen. Die Liebe triumphiert und Yash wurde durch sie geläutet.
Gründe für den Filmerfolg
Warum war dieser Film auch im westen erfolgreich? Wahrscheinlich gibt es dafür mehrere Gründe: Farbenprächtige Kostüme und Ausstattung, opulente Tanzszenen und der Liebessong mit den atemberaubenden Landschaftsaufnahmen von Ägypten, einfach ein Augenschmaus. Die Mischung von romantischer Musik und heißen Bhangra- Rhythmen (traditionelle Musik aus dem Punjab). Traditionen, Rituale die im Alltag (morgendliches Puja) und Festen (Diwali, Karwa Chauth) zelebriert werden. Vermittlung von Werten, Familiensinn, Freundschaft, Aufrichtigkeit, Respekt, Liebe und Versöhnung. Das Ausleben von Gefühlen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Die Poesie im Liebessong und den Dialogen. Das Happy End und der Humor.
Der Film ist wie ein Soap- Oper aufgebaut, die in Europa Hochkonjunktur hat. Er bietet dem Zuschauer eine ganze Gefühlspalette in 210min. an, man darf weinen, lachen, trauern und bangen. Eine Geschichte, die Krisen und Freuden Zeigt. Der Mensch erkennt den Menschen. Wenn eine Geschichte uns tief berührt, und zwar mit einer Intensität, die wir kaum erklären können, dann liegt das daran, dass wir diese Geschichte insgeheim als unsere eigene akzeptiert haben. Wenn Zuschauer weinen, so weinen sie nicht über das schwere Los des Helden, sondern über ihr eigenes.
Der Erfolg des Films in Indien und in der Diaspora lässt sich weiter damit erklären, dass das Zelebrieren der Rituale und Religion Verbundenheit zur Kultur und Tradition weckt. Er zeigt aber auch den Konflikt und den Drahtseilakt zwischen modernem westlichen Leben und Tradition, die Angst vor Identitätsverlust und die Suche nach Orientierung; die Tradition gibt Halt und Identität.
Erst mal ein BIG Sorry das ich wieder einen Thread für diesen Film gemacht habe.
Aber ich dachte mit diesem ganzen Hintergrundwissen usw. wäre es viel besser.