Zodiac Special

SonOfTheDark
WARNER BROS. PICTURES und PARAMOUNT PICTURES präsentieren
eine PHOENIX PICTURES-Produktion
ein DAVID FINCHER Film




JAKE GYLLENHAAL
MARK RUFFALO
ROBERT DOWNEY JR.
ANTHONY EDWARDS
BRIAN COX
ELIAS KOTEAS
DONAL LOGUE
JOHN CARROLL LYNCH
und DERMOT MULRONEY


Regie DAVID FINCHER
Drehbuch JAMES VANDERBILT
nach dem Roman von ROBERT GRAYSMITH
Produzenten MIKE MEDAVOY, ARNOLD W. MESSER, BRADLEY J. FISCHER,
JAMES VANDERBILT, CEÁN CHAFFIN

Executive Producer LOUIS PHILLIPS
Kamera HARRIS SAVIDES, A.S.C.
Produktionsdesign DONALD GRAHAM BURT
Schnitt ANGUS WALL
Musikalische Leitung RANDALL POSTER und GEORGE DRAKOULIAS
Musik DAVID SHIRE

Filmlänge: 157 Minuten
Deutscher Kinostart: 31. Mai 2007
im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany
a division of Warner Bros. Entertainment GmbH
www.zodiac-derfilm.de



KURZINHALT
„…Ich werde in Zukunft nicht mehr ankündigen, wann ich meine Morde begehe, sie werden wie normale Raubüberfälle aussehen, wie Totschlag im Affekt oder auch wie vorgetäuschte Unfälle usw.…“
7. Brief – 9. November 1969

„Hier spricht Zodiac...“
Der Amoklauf eines Irren, der nie geschnappt wurde; der unfassbare Chiffre-Killer, der das ganze Land in Angst und Schrecken versetzte – Amerikas Gegenstück zu Jack the Ripper. Öffentlich sprach er von 13 Opfern, später von weiteren – zwei Dutzend weiteren. Die Polizei wies ihm sieben Taten nach – fünf dieser Opfer starben. Wie viele Morde der wohl legendärste Serienmörder der USA wirklich beging, wird vermutlich nie ans Licht kommen.
In Anlehnung an die wahre Geschichte eines Serienmörders, der den Großraum San Francisco in Atem hielt und jahrzehntelang die Behörden in vier Verwaltungsbezirken mit seinen Chiffren und Briefen verspottete, inszenierte David Fincher nach „Se7en“ (Sieben) und „Fight Club“ (Fight Club) nun den Thriller „Zodiac“. Vier Männer sind von der Jagd auf den Jäger besessen – diese Besessenheit verändert sie völlig und macht sie zu Gespenstern ihrer selbst: Die endlosen Hinweise, die der Killer hinterlässt, dominieren ihr Leben – und zerstören es.
Unter den vieren war Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) der Joker.
Der schüchterne Zeitungskarikaturist Graysmith hatte nicht die Erfahrung seines abgebrühten und zynischen Kollegen Paul Avery (Robert Downey Jr.), der beim San Francisco Chronicle als Starreporter über Kriminalfälle berichtete. Er hatte auch nicht Averys Beziehungen zur örtlichen Polizei und zum gefeierten, ehrgeizigen Inspector Dave Toschi (Mark Ruffalo) vom Morddezernat oder zu dessen zurückhaltendem, pedantischem Partner Inspector William Armstrong (Anthony Edwards). Aber er hatte etwas, was ihm niemand zutraute: entscheidende Erleuchtungen – die erste am 1. August 1969.
Im üblichen Poststapel fand die Redaktion einen unbeholfen geschriebenen Brief an den Chefredakteur. Dieser eine von drei Briefen, die an den Chronicle, den San Francisco Examiner und den Vallejo Times-Herald adressiert waren, ließ die Redaktionen vor Schreck erstarren. „Sehr geehrter Herr Chefredakteur, hier spricht der Mörder…“ von David Faraday und Betty Lou Jensen, die am 20. Dezember 1968 auf der Lake Herman Road in Solano County erschossen wurden, von der am 4. Juli 1969 erschossenen Darlene Ferrin und vom mit dem Leben davon gekommenen Mike Mageau, den der Killer auf dem Parkplatz des Golfplatzes Blue Rock Springs in Vallejo umbringen wollte. Der Mörder nannte seine Opfer nicht beim Namen, listete aber viele Einzelheiten auf, die nur der Polizei bekannt sein konnten. Jede Zeitung erhielt einen Teil einer Chiffre, die – wenn dekodiert – angeblich seine Identität preisgeben sollte. Dann folgte eine Drohung: Veröffentlicht den Brief, oder es werden noch mehr Menschen sterben. Seit Jack the Ripper hatte sich niemand mehr an die Presse gewandt und sie mit Hinweisen auf seine Identität verspottet. Mit Zodiac erreichte die Geschichte mörderischer Psychopathen in den USA eine neue Dimension. Ein Paar in Salinas dekodierte die Botschaft. Doch erst Graysmith, ein enthusiastischer Code-Experte, dechiffrierte ihren verborgenen Inhalt, einen Bezug auf den Kinofilm „The Most Dangerous Game“ (Graf Zaroff, Genie des Bösen) von 1932.
Weitere Briefe tauchten auf – mit weiteren Drohungen. Am 27. September 1969 schlug Zodiac wieder zu, getarnt mit einer Kapuze, bewaffnet mit einer Schusswaffe und einem Messer, das in einer Scheide steckte. Damit erstach er Cecilia Ann Shepard, während ihr Freund Bryan Hartnell nur knapp überlebte – das junge Paar hatte am Lake Berryessa in Napa County gepicknickt. Einen Monat später, am 11. Oktober, kam der Killer nach San Francisco. Taxifahrer Paul Lee Stine wurde im vornehmen Viertel Presidio Heights in den Hinterkopf geschossen. Drei Tage später wurde ein fünfter Brief zugestellt, der unheilvollste von allen: Zodiac verkündete, dass die Polizei ihn in jener Nacht hätte stellen können. Was noch schlimmer war: Er hatte Schulkinder im Visier gehabt. Er wollte sie abknallen, wenn sie aus dem Schulbus stiegen. In San Francisco brach buchstäblich Panik aus.
Ohne es zu wollen, hatte Zodiac die Detectives Toschi und Armstrong und Reporter Avery über Nacht berühmt gemacht. Kinohelden, die Toschi nachempfunden waren, erwiesen sich als so beeindruckende Rollen, dass drei Schauspieler durch sie zu Stars aufstiegen. Graysmith blieb als Amateur-Kriminologe in seinem Sessel hocken und teilte Avery seine Erkenntnisse mit, wenn der ihm mal zuhörte. Doch Zodiac war ihnen immer einen Schritt voraus, verwischte seine Spuren und spickte seine spöttischen Briefe mit weiteren Drohungen. Und dann wurden sie sehr persönlich.
Die Schande verdrängte den Ruhm – Toschi fiel in Ungnade; der frustrierte Armstrong wandte sich anderen Fällen zu; Avery kündigte bei der Zeitung – seine Sucht machte ihn fertig. Zodiac verriet nun nichts mehr über seine Opfer. Im ganzen Land tauchten Nachahmungstäter auf. Doch der wahre Täter lief weiter frei herum.
Damit war Graysmiths Stunde gekommen. Und sie sollte dem Leben aller Beteiligten eine völlig neue Richtung geben.


ÜBER DIE PRODUKTION



Schnitzeljagd

Er war das Schreckgespenst par excellence.
„Wer damals aufgewachsen ist, wurde von der kindlichen Angst geprägt, mit der man sich selbst in den Fall hineinsteigerte: Was, wenn er unseren Bus aufs Korn nimmt? Wenn er in unserem Viertel auftaucht? Kinder haben es an sich, die dramatischen Umstände noch zu übertreiben. Ich bin im Marin County bei San Francisco aufgewachsen, ich kenne die Gegend, wo diese Verbrechen begangen wurden, aber für einen Grundschüler spielt das keine Rolle – der denkt nur: ,Bestimmt taucht der an unserer Schule auf.‘“
So also sahen David Finchers Albträume in der zweiten Klasse aus.
Wie viele Kinder, die in den 70er-Jahren an der Bucht von San Francisco aufwuchsen, war Fincher, damals sieben, wie gebannt von dem unsichtbaren Monster, das Zodiac genannt wurde.
„Ich weiß noch, wie wir als Kids wegen des Killers während der ,Dunbar Show‘ beim Radio anriefen. 1974 zogen wir weg, und ich bekam mit, dass auch die Leute in anderen Städten vom Zodiac-Killer gehört hatten“, berichtet Fincher. Aber selbst in seinen verrücktesten Träumen konnte er sich nicht vorstellen, dass er drei Jahrzehnte später das Angebot bekommen würde, einen Film zu konzipieren, der ihm Folgendes abverlangen würde: die Spuren des Killers mit jenen Polizeibeamten verfolgen, die dem berüchtigtsten Mörder seiner Jugend damals nachgespürt hatten; 10.000 Dokumentseiten zu den Ermittlungen durcharbeiten; mit den Opfern sprechen, die überlebt hatten, mit Familienmitgliedern der Ermordeten und mit den Verwandten eines Hauptverdächtigen. Der Hauptverdächtige damals war ein pädophiler Lehrer, der aus dem Dienst entlassen und ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er Grundschüler befummelt hatte.
Fincher konnte einfach nicht anders – weil der Erkenntnisbedarf da war, ein Bedarf, der damals den jungen politischen Karikaturisten des San Francisco Chronicle dazu brachte, wie besessen an der Aufklärung der geheimnisvollen Morde zu tüfteln: Diese Besessenheit arbeitete Robert Graysmith in zwei Büchern ab – im Bestseller „Zodiac“ und in der Fortsetzung „Zodiac Unmasked“, der minutiösen Nachbereitung aller Fakten und quälenden, unbewiesenen Annahmen für diejenigen, die eng mit den Ermittlungen in vier Verwaltungsbezirken zu tun hatten, aber auch für seinen hämischen, doch engagierten Kollegen Paul Avery und für sich selbst.
„Natürlich wusste Robert Graysmith, dass er nur peripher mit dieser Story zu tun hatte. Doch er wollte daran teilhaben – und dafür sorgte er selbst“, sagt Fincher. „Er machte das in seiner Freizeit, weil er kein Reporter war. Robert blieb an der Sache dran, nachdem praktisch alle anderen mehr oder weniger das Handtuch geworfen hatten. Was wir im Film verwenden, geht auf die Unterlagen zurück, die Robert uns zur Verfügung stellte. Aber uns lagen auch die Polizeiberichte vor; wir haben alles durch unsere Dokumentation überprüft, führten selbst Gespräche, sammelten Beweise. Aber sogar noch bei unseren Interviews ergaben sich Widersprüche. Wenn der eine bestimmte Aspekte der Story bestätigte, wurden diese vom anderen wieder infrage gestellt. Natürlich ist das alles schon sehr lange her – die Erinnerung leidet, und weil es verschiedene Versionen der Geschichten gibt, beinflussen sie auch die Wahrnehmung. In solchen Zweifelsfragen hielten wir uns immer an die Polizeiberichte. Eigentümlich an der Zodiac-Story ist, dass es viele Leute gibt, die Roberts Version in einigen Aspekten für falsch halten, während sie ihre eigene Sichtweise oder Interpretation für richtig halten – sehr viele Mythen haben sich auf diese Weise entwickelt. Die müssen wir alle im Auge behalten, wenn wir es mit Zodiac zu tun haben. Deshalb beschlossen wir, die Story aus Roberts Sicht zu erzählen. Ich wollte die Wahrheit anhand seiner Bücher darstellen.“
Kurz: Zodiac zu (er-)fassen erwies sich als gewaltige Aufgabe.
„Wenn man mit der Arbeit an der Filmfassung beginnt, ist nur eine Sache von vornherein ganz klar: Am Ende wird man nur ein Sechstel des Materials verwenden, weil mehr gar nicht in den Film passt“, erklärt Drehbuchautor/Produzent James (Jamie) Vanderbilt. „Hinzu kommt, dass der Film sich auf zwei Bücher und viele zusätzliche Interviews beruft. Ein Vorteil war allerdings, dass wir uns im Film auf die Männer konzentrieren, die in den Zodiac-Fall hineingezogen werden, vor allem Graysmith. Aber auch die Detectives und der Reporter. Dass harte Fakten rar sind, erwies sich als Vorteil, denn daraus ergaben sich immer wieder neue Gespräche, Theorien, die diskutiert werden müssen, Verdächtige, die sie vernehmen. Unser Film ist eindeutig mit mehr Informationen vollgestopft als alle mir bekannten Filme, und dennoch kratzt er nur an der Oberfläche, wenn man bedenkt, welche Materialfülle es dazu gibt.“
Der größte Unterschied zu den Büchern besteht in der Rolle von Graysmith selbst, wie Vanderbilt sagt.
„Robert stellt sich selbst durchaus nicht in den Mittelpunkt seiner Zodiac-Bücher, doch gerade sein Engagement faszinierte mich besonders – der Karikaturist als Kriminologe“, sagt Vanderbilt. „Wenn ich unser Projekt vorstellte, sagte ich immer: ,Was wäre, wenn Garry Trudeau eines Morgens aufwachte und den Fall Son of Sam aufklären wollte?‘“ Schon seit Vanderbilt als Schüler sein Lieblingsbuch „Zodiac“ gelesen hatte, wollte er es für den Film bearbeiten. „Als ich dann Robert kennen lernte, erwies sich seine Unterstützung als unschätzbar, denn wir freundeten uns an, und das Drehbuch veränderte sich durch diesen Umstand, allerdings meist nicht, um ihn positiver darzustellen. Robert hat sich mit all seinen Eigenarten vor uns entblößt, und so stellen wir ihn auf der Leinwand dar. Das Wunderbare daran: Robert ist selbst Künstler, er kennt den Wert eines solchen Vorgehens, er weiß, was Kreativität bedeutet, was eine gute Story ausmacht.“
Jake Gyllenhaal bekam das Drehbuch von David Fincher zugeschickt und war von der dramatischen Unmittelbarkeit hingerissen – bis zum Ende konnte er es nicht aus der Hand legen. Und er war davon beeindruckt, wie realitätsnah es wirkt. „Beim ersten Lesen fand ich vor allem die Morde absolut schrecklich“, sagt er. „Beim Blättern dachte ich: ,Das alles ist wahr, es ist wirklich passiert. Ich wollte die Rolle sofort übernehmen. Zu Beginn hat Robert Graysmith mit dem Fall nur am Rande zu tun. Er macht als Karikaturist beim San Francisco Chronicle ein Praktikum. Zufällig ist er dabei, als die Zeitung eine Chiffre und einen Brief des Zodiac-Killers erhält – mit der Aufforderung, die Chiffre zu drucken. Er ist mit den Kopien von verschiedenen Karikaturen beschäftigt. Aber seine Kollegen haben keine Ahnung, dass er von Rätseln und vom Dechiffrieren wie besessen ist. Er interessiert sich brennend für den Fall, und als dieser auch Jahre später immer noch nicht aufgeklärt ist, ermittelt er auf eigene Faust, indem er vorgibt, ein Buch darüber zu schreiben – aber jetzt will er den Fall allein aufklären. Sehr interessant an dieser Story ist der Umstand, dass es in solchen Fällen zu einer Massenhysterie kommt. Dann überlässt man das den Experten. Aber manchmal fehlt den Experten jenes Herzblut, mit dem ein normaler Typ wie Robert Graysmith der Sache nachgeht. Die bürokratischen Hürden waren wegen der verschiedenen Zuständigkeiten sehr hoch. Robert ist dagegen ein normaler Bürger, der sich keine Durchsuchungsbefehle oder Genehmigungen besorgen muss. Er ist nur seinem Herzen und in diesem Fall auch seiner Besessenheit verpflichtet. Das finde ich faszinierend, weil wir uns heutzutage doch recht selten ganz auf uns selbst verlassen. Wir berufen uns gern auf Meinungen von Experten, doch auch die sind oft genug durch die Politik oder Befindlichkeiten in ihrer eigenen Arbeitssituation und Karriere gehandikapt. Ein normaler Mensch wie Robert konzentriert sich ganz auf seine Arbeit und erkennt die Fakten viel klarer. Ich fühle mich sehr bestärkt durch die Tatsache, dass es normale Menschen gibt, die einen solchen Fall knacken, an dem alle anderen gescheitert sind.“
Wie hat sich der Schauspieler auf die Rolle des mutigen Karikaturisten vorbereitet? Gyllenhaal ging sehr bewusst und wissenschaftlich vor: „Ich halte Robert Graysmith für einen sehr interessanten Typen. Als ich ihn kennen lernte, bat ich darum, ihn mit der Videokamera filmen zu dürfen, um seine körperlichen Eigenarten studieren zu können – ich wollte sehen, wie er sich verhält. Ich war dabei äußerst nervös, denn ich überlegte: ,Was muss der für eine Persönlichkeit haben, um sich in eine solche Welt hineinzuwagen? Wenn ich den jetzt kennen lerne, dürfte sich unsere Begegnung wohl auf seltsamem, unheimlichem Terrain abspielen. In welche Tiefen muss ich wohl hinabsteigen, um irgendetwas Aufrichtiges aus ihm herauszubekommen?‘ Und dann kommt er herein – ein sympathischer, unvoreingenommener, sehr liebenswürdiger, irgendwie unschuldiger Mensch. In der Schauspielschule wurde ständig gepredigt: ,Spiel immer das genaue Gegenteil.‘ Genau das trifft auf ihn zu. Er ist völlig anders, als man von einer Person annehmen würde, die von einem Fall wie diesem besessen ist. Aber als ich ihn dann besser kennen lernte, spürte ich irgendwie, dass er so gewisse Tricks hat, auf merkwürdige Art Dinge aus mir herauszubekommen, ohne dass ich es merke – selbst wenn mir die Fragen anfangs zu persönlich, zu intim waren. Er ist sehr schlau und sehr geschickt, wenn er eine bestimmte Information bekommen will. Doch als Mensch ist er sehr lieb. Das ist höchst interessant.“
„Bei mehreren Gelegenheiten habe ich beobachten dürfen, wie Jake meine Rolle spielt“, berichtet Graysmith. „Er verkörpert mich nicht, sondern interpretiert mich. Absolut perfekt zeigt er meinen Enthusiasmus, meine Begeisterungsfähigkeit, meine Südstaatenherkunft, meine Höflichkeit, meine Macken. Die gleiche Haarfarbe hatten wir schon vorher.“
Was die Darstellung der damaligen Zeit angeht, die über die eigentliche Nacherzählung der Ereignisse hinausgeht, waren sich Graysmith und Vanderbilt durchaus einig. Dazu Vanderbilt: „Zwar bestand die Gefahr, auf eine Meta-Ebene abzugleiten, aber ich fand es schon sehr verführerisch, einen Film über die Verführungskraft von Worten zu machen: Der Autor schreibt über einen Autor, der über einen Killer schreibt, der berühmt wurde, weil er tolle Briefe schrieb. Denn nur aus diesem Grund beschäftigen wir uns auch heute noch mit Zodiac: Er schrieb verdammt gruselige Briefe – nicht an die Cops, sondern an andere Autoren. Zeitungsmacher, die entsprechend reagierten: ,Scheiße, das ist echt toll. Das sollten wir bringen.‘ Sie druckten die Briefe, die Menschen lasen sie und reden auch nach Jahrzehnten noch davon: die Macht des geschriebenen Wortes.“
Graysmith schrieb seine Tagebücher in der ersten Person („Zodiac“ und „Zodiac Unmasked“), weil er die Öffentlichkeit in die Jagd auf den Killer mit einbeziehen wollte. Am Anfang musste er die Liste von 2500 Verdächtigen durcharbeiten und „eine Mauer aus Schweigen überwinden“, wie er sich erinnert. „Damals war die Polizei nicht zur Mitarbeit bereit. Zodiac war ein sehr wichtiger Fall, und wer diesen Fall jemals löste, konnte eine Menge Lob einheimsen – sie saßen also auf ihren Informationen. Es war üblich, dass sie ihre Berichte unter Verschluss hielten, so dass ich sie nicht einsehen konnte. Doch wenn ich der Wahrheit in unseren Gesprächen sehr nahe kam, dann bestätigten sie schon mal ein oder zwei Tatsachen. Dabei durfte ich mir aber keine Notizen machen – ich musste mir Seriennummern und Daten also merken. In langen und intensiven Sitzungen zu Hause habe ich das dann anschließend aus der Erinnerung aufgeschrieben.“ Nach zehn Jahren, 13 Fassungen und dem Eindampfen seiner umfangreichen Recherchen auf 351 Seiten bestand „mein größter Beitrag wohl darin, dass ich beim Aufdecken neuer Spuren Gespräche führte und fehlende Zeugen und Verdächtige aufspürte, jedes Polizeirevier aufsuchte und so alle Fakten zusammentrug und jedermann zur Verfügung stellte, damit der Zodiac gefasst werden konnte.“ Das hat er immer gehofft, wie er heute sagt. Wenn er über das Auf und Ab dieser Reise nachdenkt, „ist es ein Wunder, dass wir nicht allesamt dem Zodiac zum Opfer gefallen sind. Die lange Jagd, die unwiderstehliche Faszination des Falles, sein Geheimnis, die Tragik der Opfer, die zerbrochenen Ehen, gescheiterten beruflichen Existenzen, die zerrüttete Gesundheit eines hervorragenden Reporters – es war eine Studie der Frustration, denn die Polizei musste einen Fehlschlag nach dem anderen hinnehmen.“
Gyllenhaal weiß, wie viel energischen Input er am Set Robert Downey Jr. verdankt, der alle Schauspielerkollegen anregte, die Story möglichst lebendig zu gestalten. „Robert Downey Jr. passt wirklich in keine Schublade. Nach wie vor ist er in seinen Rollen, am Set unglaublich präsent – und er reißt uns alle mit. Sein Paul Avery ist eine Art Hofnarr – der tänzelt durch die Szene, hat viel Humor, bewahrt fast eine gewisse Distanz zu der Situation, reagiert aber sehr komisch auf sie. Er wirkt etwa wie die Fee Glöckchen in ,Peter Pan‘: Wenn er herumfliegt, werden alle anderen erleuchtet“, sagt Gyllenhaal.
Fincher schätzt sich „sehr glücklich“, mit diesen Schauspielern arbeiten zu dürfen. „Die Leute, mit denen ich drehen wollte, habe ich auch bekommen. Und ein riesiges Glück war es auch, dass so viele der damals tatsächlich an dem Fall Beteiligten an dem Projekt mitwirkten. Ich glaube, dass wir ihnen mit dem Film gerecht werden. Dabei geht es natürlich nicht darum, ein sklavisches Abbild der Personen bis zur letzten Haarlocke zu liefern.“ Ein Beispiel: „Robert Downey Jr. spielt Paul Avery und damit die einzige Person, die heute nicht mehr am Leben ist. Aber er bringt sich enthusiastisch ein, weil gerade er verstehen kann, welche Dämonen in Pauls Innerem tobten – er war die perfekte Wahl für die Rolle.“
Von den vier Personen kannte Detective Toschi Avery am längsten. „Ich lernte Paul Avery 1960 kennen – damals war ich 28. Ich arbeitete im Bureau of Inspectors (für das San Francisco Police Department) und wollte Detective werden“, sagt Toschi. „Wir haben viel zusammen erlebt. Am Ende war Paul ******abhängig und hing an einer Maschine. Er war in sehr schlechter Verfassung. Er rief mich an, bevor er starb. Er wollte vor seinem Tod ein Buch schreiben, einen Paperback-Schnellschuss, den er seinen Enkeln hinterlassen konnte. Er sagte: ,Dave, wir können im Handumdrehen jeder 25.000 Dollar verdienen!‘ Mir tat er wirklich sehr Leid. Aber meine Antwort war: ,Paul, ich habe bereits eine Vereinbarung mit Robert Graysmith.‘ Als Robert mich erstmals ansprach, sagte er: ,Du bist der Einzige, der alle Informationen hat, ich kann nur mit dir reden.‘ Ich lernte Robert Graysmith 1977 kennen, als er mir von seinen Buchplänen erzählte. Er glaubte wirklich, dass man diesen Fall lösen könnte. Er wollte es tatsächlich versuchen. Seitdem sind wir eng befreundet.“
Toschi berichtet, dass Fincher neugierig war zu erfahren, warum er überhaupt mit Graysmith geredet hat. In dem Fall wurde ja nicht mehr aktiv ermittelt, und Graysmith war kein Reporter. „Der Grund war seine Ernsthaftigkeit, seine Aufrichtigkeit“, sagt Toschi. „Das habe ich auf Anhieb gemerkt. Er war ein politischer Karikaturist. Ich habe ihm vertraut.“
Mark Ruffalo war seinerseits schwer von Toschi beeindruckt, aber auch von seiner Charakterisierung in Finchers Drehbuch. „Ich schätze dieses Genre nicht, weil es meist reichlich gewalttätig zugeht“, sagt er. „Aber David hat ein Skript geschrieben, durch das die Rolle, die ich spielen sollte, sofort auf sehr nuancierte, wunderbare Weise zum Leben erwachte. Dann bin ich zu Toschi gereist und schätzte mich in dem Moment erst recht glücklich, in diesem Film mitzuwirken. Denn immerhin ist er das große Vorbild für Schauspieler, die Detectives spielen wollen, und ich spiele den Typen, der mehreren Schauspielerkollegen als Vorbild diente, die mit dieser Rolle zu Stars aufstiegen. Auch Robert Downey Jr. leistet Erstaunliches. Ich schätze ihn seit langem – wahrscheinlich kann man der Genialität gar nicht näher kommen als er, ohne über die Kante in den Abgrund zu stürzen. Die Arbeit mit ihm war wirklich spannend, unheimlich, aber auch ein großer Spaß. Da schwingt immer etwas Gefährliches mit. Nicht im körperlichen, gewalttätigen Sinn – vielmehr liegt es in seiner Spontaneität.“
Die Filmrechte an Graysmiths Buch sicherten sich Vanderbilt und Produzent Bradley (Brad) J. Fischer (Phoenix Pictures), nachdem ein anderes Studio fast zehn Jahre lang nichts aus dem Stoff gemacht hatte. Die beiden Filmemacher wollten einen ganz bestimmten Regisseur verpflichten.
„Ich war überzeugt, dass David Fincher den Ereignissen mit seinem Stil gerecht werden würde“, sagt Fischer. „Er kann die Psychologie, die Motivation jener Menschen gestalten, die diese Welt bevölkern. Natürlich hatte er bereits einen Film über einen Serienkiller gedreht, aber dieser Stoff geht weit über das Genre hinaus. Diese Figuren bringen etwas zum Klingen, was in uns allen steckt: die Fähigkeit, sich vollständig auf eine Sache zu konzentrieren, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr, sodass man nicht mehr davon loskommt. Fincher kann menschliches Verhalten, Gefühle filmisch derart auf den Punkt bringen, dass die Figuren und ihre Umgebung absolut authentisch wirken. Im Zuschauer weckt er das Gefühl, sich selbst auf der Leinwand zuzuschauen, als ob sie wie Alice im Wunderland in den Kaninchenbau rutschen, ohne es zu merken. Die Chromosomen der Story sind davon geprägt – mit den verschiedenen Abstufungen bösartig-abartigen Verhaltens, ob es nun um den Serienkiller geht oder um die Männer, die sich bei der Jagd nach einem Phantom aufreiben, das sie wahrscheinlich nie fassen werden. Das ist ebenso bewunderns- wie bemitleidenswert – und noch mehr: Es ist sehr menschlich, etwas erfahren zu wollen, was man nicht erfahren kann. Diesen Zwang spüren wir alle in uns, und der kann sich zu einer unglaublich zerstörerischen Kraft entwickeln. Ich wusste genau, dass Fincher uns wie kein anderer Filmemacher helfen kann, diese Abgründe auszuloten. Fincher merkte aber, dass die Story einfacher und klarer werden musste. Denn die Zodiac-Ermittlungen waren durch die vielen Telefongespräche verzerrt und durch die schlimmste Linse gefiltert, die man sich vorstellen kann: die Zeitungen. So hatte der Fall einen eigenen Mythos entwickelt, den wir zunächst demontieren mussten. Es galt, klar zwischen Fakt und Fiktion zu trennen und den Fall zu entmystifizieren, der sich weit von seinen realen Wurzeln entfernt hatte. Wir erinnern uns: Erst die Medien stilisierten den Zodiac zu einem übermächtigen Rätsel. Er schreibt einen Brief: ,Hier spricht Zodiac.‘ Und plötzlich nennen ihn die Zeitungen ,den Chiffre-Schlitzer‘! Das wirkt, als ob ein gigantischer, grausiger Schatten an der Wand mutiert. Doch wir müssen kapieren, dass es anfangs nur um einen Mann ging, der dilettantisch fünf Menschen niederschoss und zwei weitere niederstach – an alle hatte er sich herangeschlichen. Er ist durchaus nicht ,Wile E. Coyote Supergenie‘, wie wir ihn gerne nennen. Vielmehr war er ein kümmerlicher, erbärmlicher, unglaublich abartiger Mensch, den man fast geschnappt hätte. Der Rest entstand in den Köpfen der Leser – in der willigen Fantasie der Menschen verwandelte er sich zum übermächtigen Dämon.“
Die Überarbeitung des Stoffes war laut Fischer also „ein langes und schwieriges Verfahren, das aber nötig war, um die wahre Geschichte zu erzählen. Wir durften uns auf keinen Fall auf Sekundär- oder Tertiärquellen verlassen – die Richtschnur waren die Polizeiberichte. Und natürlich die Menschen, die dabei waren. Eigentlich war es ganz einfach: Wir sprechen alle Leute an, die direkt an der Ermittlung beteiligt waren, setzen uns mit ihnen zusammen, schauen ihnen in die Augen und stellen direkte, manchmal bohrende Fragen und hören zu, was sie antworten. Wir sprachen also mit Bryan Hartnell; mit Mike Mageau, der heute obdachlos ist und sich nie richtig davon erholt hat, dass er 1969 niedergeschossen wurde; mit Dave Toschi; mit Bill Armstrong; mit Ken Narlow; mit George Bawart. Wir brachten Don Cheney und Sandy Panzarella in einem Raum zusammen – erstmals seit sie in den 1970er-Jahren von der Polizei vernommen wurden – und fragten sie nach allen Einzelheiten ihrer Story. Wir haben alles getan, um der Wahrheit Genüge zu tun.“
Produzent Mike Medavoy, Mitbegründer und Vorsitzender von Phoenix Pictures, sagt über die Faszination des Stoffes: „Es geht nicht so sehr um den Serienmörder, der ja allein schon einen Film wert wäre, sondern um die Leute, die den Serienmörder jagen. Was passiert, wenn man derart von einer Sache besessen ist, dass man das Ziel aus den Augen verliert? Natürlich kommt man so vom Weg ab, natürlich macht man alles kaputt… und jedem von ihnen ist das tatsächlich passiert. Graysmith hat das überwunden, aber seine Ehe ging in die Brüche. Man muss sich wirklich mal anschauen, was aus den Hauptfiguren geworden ist. Gerade das hat mich an diesem Film fasziniert. Diese Männer haben sich bei der Jagd nach Sensationen verzettelt. David, Brad und Jamie (die für den Film selbst ermittelten) haben ebenso manisch darauf geachtet, alles ganz präzise darzustellen. Wir dachten schon, Brad würde dem Showbusiness den Rücken kehren und zur Polizei gehen – ganz so weit ging er aber dann doch nicht!“
Produzent Arnold W. Messer, Medavoys Partner und Phoenix-Chef, ist überzeugt, dass dieser Stoff „intensiver recherchiert und die tatsächlichen Ereignisse detaillierter und präziser dargestellt wurden als je zuvor in einem Kinofilm. Ich produziere seit 30 Jahren und habe noch nie an einem Film gearbeitet, der der Wahrheit derart nah kommt, der derart intensive Recherchen und Mühen voraussetzte. Alle Menschen, die im Film vorkommen und noch am Leben sind, wurden befragt. Sie alle haben auf die eine oder andere Art mitgearbeitet… die Jungs studierten die Bücher, die Polizeiberichte, die 10.000 Seiten mit den abgeschriebenen Protokollen. Wirklich eine beeindruckende Leistung, um sicherzustellen, dass die Tatsachen stimmen.“



Die Gespräche

Die Filmemacher arbeiteten eng mit Bryan Hartnell und den am Fall beteiligten Beamten zusammen, um zu begreifen, was sich am 27. September 1969 am Lake Berryessa zugetragen hat.
Detective Ken Narlow vom Napa Sheriff’s Department war an jenem Tag nicht am Tatort, dafür aber die Streifenpolizisten John Robertson und David Collins. Doch Narlow, damals Detective Sergeant, leitete die Mordermittlungen in diesem Fall. Er ist inzwischen im Ruhestand, berät das Napa Sheriff’s Department aber weiterhin im Zodiac-Fall und geht bis heute neuen Spuren nach. „Wahrscheinlich wird mich das nie loslassen“, sagt er.
„Ich war oben in Berryessa dabei, als sie die Messerszene und dann die Szene mit Zodiacs geschriebenem Text auf dem Wagen drehten“, sagt er. „Ich weiß noch: Es war 18 Uhr an einem Samstagnachmittag – genau der Zeitpunkt des Überfalls. Das mit anzusehen, hat mich völlig fertig gemacht. Diese Kids hat er nicht niedergeschossen, sondern auf sie eingestochen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung hat er auf Bryan Hartnell nur halb so oft eingestochen wie auf Cecilia – wahrscheinlich überlebte Bryan, weil Cecilia aufschrie und so von ihm ablenkte. Er hat zehnmal auf sie eingestochen – fünfmal in die Brust und fünfmal in den Rücken. Mir schossen die Tränen in die Augen, als ich zuschaute, wie sie das nachstellten. Ich kann eigentlich eine ganze Menge ertragen, und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mich das so mitnehmen würde. Denn das ist doch immerhin schon 37 Jahre her. Ich schaute mir den Dreh an und dachte immer nur: Das haben die Kids wirklich durchgemacht. Ich nahm das wohl recht persönlich. Wir hätten den Typen wirklich fassen müssen.“
Der inzwischen pensionierte Collins sprach als letzter mit Cecilia vor ihrem Tod. „Ich tauche im Film nicht auf, wurde aber für die DVD interviewt und habe mir deswegen den Film angeschaut. Ich war entsetzt und mitgerissen von dem, was auf der Leinwand passiert. Mir wurde richtig mulmig, weil alles absolut lebensecht wirkt. Ich konnte kaum hinsehen. Als ich mich an jenem Tag um Cecilia kümmerte, sagte sie immer wieder: ,Mir ist kalt.‘ Sie stand unter Schock, also habe ich ihr meinen Mantel angezogen, den sie anbehielt, bis der Krankenwagen kam. Sie weinte, war schwer verletzt. Immer wieder sagte sie: ,Das tut so weh, gebt mir etwas gegen die Schmerzen.‘ Aber wir hatten nichts dabei.“
Der Zodiac hatte auf Bryan eingestochen, bis sein Körper leblos war, dann stach er auf Cecilia ein, bis sie tot spielte. In dem Moment hörte er auf und ging weg, wie Cecilia Collins sagte: „Sie lagen gefesselt auf der Decke. Auf dem nahen See befand sich ein Angler. Sie schrien um Hilfe. Zunächst nahm der Angler das nicht ernst. Dann fürchtete er, dass ihn jemand anlocken und überfallen wollte. Er wartete also etwa zehn Minuten, bevor er begriff, dass es sich um einen Notfall handelte. Sie schrien, dass jemand auf sie eingestochen hatte und dass der Mann ihnen doch bitte helfen sollte. Er rief ihnen zu, er wolle Hilfe holen. Sie wollten aber nicht, dass er sie allein ließ. Doch er wandte sich an die Eigentümer eines nahe gelegenen Hotels namens Rancho Monticello Resort. Er ging, und sie blieben weiterhin gefesselt auf der Decke liegen. Sie glaubten nicht, dass er wiederkommen würde, und versuchten sich selbst zu befreien. Cecila sagte mir, sie hätten sich gegenseitig befreit, aber erst bei der Filmvorführung konnte ich endlich mit Bryan sprechen und bekam so die Antwort auf die Frage, die mich in all den Jahren bewegt hatte: Wie konnten sie ihre Fesseln lösen, wo doch ihre Hände und Füße auf dem Rücken fest zusammengebunden waren? Von dieser Position, durch den Blutverlust und den Schrecken waren sie sehr geschwächt. Bryan erzählte mir, dass sie sich Rücken an Rücken legten und so die Knoten lösen konnten. Er versuchte wegzukriechen, aber als wir dort eintrafen, war er nur etwa zehn Meter weit gekommen und dann ohnmächtig geworden.“
Als Collins und Robertson eintrafen, waren der Hotelbesitzer, ein Parkranger, der Angler und sein Sohn am Tatort und warteten auf die Polizei und den Krankenwagen. Die Streife brauchte etwa 30 Minuten bis zum Tatort, weil auf der kurvigen Bergstraße starker Verkehr herrschte. Der Krankenwagen traf erst 20 weitere Minuten später ein. Vom Überfall bis zur Rettung mussten die Opfer anderthalb Stunden warten. Cecilia starb auf dem Weg ins Krankenhaus.
„An jenem Tag konnte ich nicht mit Bryan sprechen – Cecilia wollte, dass ich ständig bei ihr blieb“, sagt Collins. „Man brauchte sie nur anzuschauen und wusste sofort, dass sie keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Sie war ein hübsches, zartes kleines Mädchen… Er hat ihnen nichts gestohlen. Er wollte sie nur umbringen.“
Cecilia war die Einzige, die Zodiac an jenem Tag zu Gesicht bekam, bevor er seine Kapuze aufsetzte, aber sie sagte Collins gegenüber aus, dass sie ihn nicht kannte. „Ich persönlich glaube, dass der Täter nie identifiziert wurde“, sagt er. „Wenn er noch am Leben ist, läuft er weiterhin frei herum.“
Trotz all der Einzelheiten und der Indizien, die über die Jahre zusammengetragen wurden, findet Fischer einen Umstand erstaunlich eindeutig: „Erinnerungen sind von Natur aus subjektiv, und meist werden traumatische Ereignisse auch mit der Zeit nicht deutlicher. Dennoch sind die Aussagen jener, die dabei waren, heute unschätzbar. Ein Beispiel: Ein Polizeibericht widerlegte die Erinnerung eines Vallejo-Polizeibeamten, der sich ganz sicher war, Mike Mageau habe die Waffe des Zodiac als laut knallend, ohne Schalldämpfer beschrieben. Als ich dem heute pensionierten Beamten seinen eigenen Bericht vorlas, in dem es über Mageaus Aussage heißt: ,Er hörte mehrere gedämpfte Geräusche, die wie eine Schusswaffe mit Schalldämpfer klangen‘, antwortete der Beamte, dass er sich anders erinnere, aber er gab zu, dass diese Fakten korrekt seien. Mageau seinerseits erinnert sich sehr genau daran, dass der Knall gedämpft war. Tatsächlich merkte er erst, dass er beschossen wurde, nachdem er von der zweiten oder dritten Kugel getroffen war. Als er plötzlich den Schmerz vom ersten Schuss in seinem Hals spürte, dachte er laut seiner Aussage zunächst, der Mann habe ihn mit einer Taschenlampe geschlagen.“ Fischer engagierte einen Privatdetektiv, um Mageau aufzuspüren. Der saß wegen Landstreicherei in Haft, und Fischer interviewte ihn über ein Bildtelefon im Gefängnis. „Es war faszinierend, mit einem Menschen zu sprechen, der direkt dabei gewesen war und dem Zodiac-Killer Auge ins Auge gesehen hatte“, sagt Fischer. Mageau und Hartnell – die einzigen überlebenden Opfer – loteten ihr Leben lang alle juristischen Möglichkeiten aus, wobei ihre Erfahrungen diametral entgegengesetzt ausfielen.
Der heute pensionierte George Bawart wurde vom Vallejo Police Department gebeten, mit den Filmemachern zusammenzuarbeiten. „Die Polizei in Vallejo unterstützt den Film hundertprozentig – in der Hoffnung, dass daraufhin jemand genauere Hinweise gibt, damit wir den Fall ein für alle Mal aufklären können.“
Am 4. Juli 1969 war Bawart Sergeant in diesem Revier. Sein inzwischen verstorbener Vorgesetzter Jack Mulanax war als leitender Detective für den Fall zuständig. Jahre später leitete Bawart selbst die immer noch andauernden Zodiac-Ermittlungen. Als Ferrin und Mageau überfallen wurden, handelte es sich laut Bawart „noch nicht um Ermittlungen zu einem Serienkiller. Es war der Mord an einem Paar, das sich an einem bei Liebespaaren beliebten Ort getroffen hatte. Er wurde wie jedes andere Tötungsdelikt behandelt. Denn es hätte ja auch ein eifersüchtiger Freund gewesen sein können. Doch als dann die Morde am Lake Berryessa passierten, war plötzlich alles anders. Kurz darauf begann die Zustellung der Briefserie. Als die Sache publik wurde, mussten wir alle fürchten, dass wir es mit einem Serienmörder zu tun hatten.“ Bawart gehörte nicht zu den Beamten am Tatort und bekam erst 1971 mit dem Fall zu tun, als er gegen seinen Hauptverdächtigen Arthur Leigh Allen ermittelte. 25 Jahre später vernahm Bawart Mageau an einem Flughafen, nachdem Graysmiths Buch erschienen war. „Es erregte viel Aufsehen, als Mageau Leigh Allen als Zodiac identifizierte“, sagt er. „Als ich ihn am Airport traf, legte ich ihm eine Reihe von Fahndungsfotos vor, und das war’s: Er erkannte ihn wieder. Ich fragte ihn, wie er sich so sicher sein konnte, und er antwortete: ,Ich weiß es genau. Er hat mich angesehen und auf mich geschossen. Ich bin mir sicher.‘“ Trotz Mageaus Augenzeugen-Aussage ist Bawart heute davon überzeugt, dass ein Verteidiger Mageaus Aussage zerfetzen würde, weil derart viel Zeit vergangen war.
„Die für mich überzeugendsten Beweise fanden wir in Leigh Allens Haus“, sagt Bawart. „Wir fanden Bomben und viele Gegenstände, über die Zodiac in seinen Briefen schrieb. Bevor ich mir den Durchsuchungsbefehl besorgte, sprach ich in Napa mit Ken Narlow. Der Jahrestag eines der Zodiac-Morde stand kurz bevor. Die Medien erfuhren von unserem Vorhaben und veröffentlichten eine ganze Reihe von Storys. Was gut und schlecht war. Das Gute: Eine Frau las darüber in der Zeitung, bemerkte den Namen Robert Emmett the Hippie und sagte: ,Ich weiß, wer das ist.‘ Es handelte sich um den Homosexuellen Robert Emmett Rodifer, der ein Schwimmteam gemanagte hatte. Arthur Leigh Allen gehörte als Turmspringer zu diesem Team. Er war so zurückhaltend und still wie Rodifer kontakfreudig war. Ich flog also nach Deutschland, um Rodifer zu vernehmen. Er sagte, er erinnere sich an Leigh Allen. ,Der Typ hasste mich‘, sagte er. Aufgrund seiner Aussagen hielt ich Leigh Allen für den Zodiac. Wie er ihn beschrieb und wie er auf ihn reagierte.“



EBEORIETEMETHHPITI

„Als Redaktionskarikaturist entwickelt man einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – man möchte die Welt verändern. Als Zeichner und Karikaturist hatte ich es täglich mit Symbolen zu tun… Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich seit Jack the Ripper kein Killer an die Presse gewandt und die Polizei mit Hinweisen auf seine Identität verspottet. Der seltsame Brief faszinierte mich.“
Autor Robert Graysmith, „Zodiac“

Griechische Buchstaben. Morse-Code. Wetter-Symbole. Buchstaben des Alphabets. Flaggensignale der Marine. Astrologische Symbole. Sie alle waren verquirlt in die chiffrierte Terrorbotschaft, die von Hand mit einem blauen Filzstift geschrieben war und am 1. August 1969 per Brief an die Redaktionen des San Francisco Chronicle, des San Francisco Examiner und des Vallejo Times-Herald geschickt wurde:
„Ich will, dass ihr diese Chiffre auf dem Titelblatt eurer Zeitung abdruckt. Diese Chiffre enthält meine Identität. Falls ihr die Chiffre nicht bis zum Nachmittag des Fr., 1. August 69 veröffentlicht, werde ich Fr.-Nacht einen mörderischen Amoklauf beginnen. Ich werden das ganze Wochenende herumfaren und nachts einsame Leute töten…“
Jahrzehntelang trafen weitere Briefe ein, die schreckliche Einzelheiten von Morden schilderten, die nur der Polizei bekannt waren. Auch eindeutige Beweise wie ein Fetzen des blutigen Hemds eines Mordopfers waren darunter, oder Einzelheiten über Bomben und Androhungen eines geplanten, groß angelegten Massenmordes an Schulkindern.
Die Dechiffrierexperten der CIA, des FBI, der National Security Agency und des Navy-Geheimdienstes waren ratlos – die Chiffre des Killers ließ sich nicht knacken.
Bis Highschool-Lehrer Donald Gene Harden aus North Salinas sein einstiges Jugendhobby reaktivierte und herausbekam, was keinem Experten gelungen war: das Motiv des Killers und seine mögliche Identität oder einen Hinweis auf seine Identität.
„Nachdem der Zeitungsbericht erschienen war, versuchte sich meine damalige Frau an dem Code, aber sie hatte keine Ahnung“, erinnert sich der heute 78-jährige Harden, der wieder geheiratet hat und in Fountain Hills/Arizona lebt. „Ich musste mir die Sache schon deswegen vornehmen, damit sie endlich damit aufhörte, weil es mich verrückt machte, ihr bei den Versuchen zuzusehen. Sie ließ einfach nicht locker. Er verwendete jede Menge Hinweise. Drei Tage habe ich daran gearbeitet. Damals habe ich mich kaum mit Dekodierung beschäftigt. Früher, als ich bei den Pfadfindern war, machte ich das manchmal. Als Junge hatte ich darüber gelesen und mich daran versucht. Ich rief bei der Zeitung an und sagte, ich hätte das Rätsel gelöst. Die Antwort war nur: ,Klar, schicken Sie uns das per Post.‘ Das habe ich getan."
Als der von den Hardens entschlüsselte Text erschien, wurden sie über Nacht berühmt – was sie nie für möglich gehalten hätten. Dann rief das FBI an. Sie hatten tatsächlich recht. „Ich weiß nicht, was meine Ex-Frau ihnen gesagt hat, ich war nicht dabei. Ich weiß nur, dass wir nie wieder etwas von ihnen gehört haben“, fügt er hinzu. „Wir hatten keine Ahnung, was die Medien auslösen würden. Ich wurde sogar in der Fahndungs-Sendung „America’s Most Wanted“ interviewt – etwa eine halbe Sekunde lang. Doch meine Ex-Frau entwickelte bald einen regelrechten Verfolgungswahn, wenn ein Reporter auftauchte, denn sie hatte Angst, dass der Killer uns aufspüren könnte. Ich musste mir eine Schusswaffe besorgen und sie unters Bett legen. Ich hatte nie eine Waffe besessen und habe sie auch nie ausprobiert. Ich kaufte sie nur, um meine Frau zu beruhigen. Ein paar Jahre später habe ich den Revolver dann verschwinden lassen.“
Die Schüler staunten nicht schlecht über die Fähigkeiten ihres Lehrers, denn sie hatten wie alle Schulkinder im Großraum San Francisco eine Heidenangst vor dem Chiffre-Schlitzer. „Als der entschlüsselte Text erschien, sprachen mich die Kids ständig darauf an. Also habe ich mir eines Tages die Zeit genommen und ihnen genau erzählt, wie ich das gemacht habe. Und das war’s“, erinnert sich Harden. „Ich wollte sie damit beruhigen. Und danach war das kein Thema mehr.“
Zunächst musste er ihnen das Code-Knacken erklären, ein Jargon-Begriff für die Entschlüsselung eines chiffrierten Textes. Texte werden chiffriert, um ihren Inhalt zu verbergen, sodass er nur denjenigen zugänglich ist, die ein entsprechendes Spezialwissen haben. Chiffren sind normale Textbuchstaben, Lettern oder Ersatzsymbole, die separat oder in Gruppen als chiffrierte Botschaft dienen. Obwohl der Ausdruck Code als Synonym für Chiffre benutzt wird, bestehen Codes normalerweise aus umgeformten Wörtern oder Phrasen, die üblicherweise verwendet werden, um die Botschaft zu verkürzen.
In Graysmiths Buch „Zodiac“ berichtet Harden, wie er die verschlüsselte Botschaft des Killers knackte. Zunächst prüfte er die Häufigkeit bestimmter Buchstaben. Er wusste, dass der häufigste Buchstabe im Englischen das E ist, es folgen T, A, O, N, I, R und S. Die gebräuchlichsten Doppelbuchstaben sind L, E und S“, schreibt Graysmith. Die häufigsten Buchstabenkombinationen sind TH, HE und AN. Über die Hälfte aller Wörter beginnt mit T, A, O, S oder W, und die häufigsten Dreierkombinationen sind THE, ING, CON und ENT.
Harden merkte, dass der Killer Ersatzchiffren verwendete, die nicht aus Buchstaben, sondern aus Symbolen oder Figuren bestanden. Weil der Killer eine Vielzahl von Symbolen verwendete, war es nicht möglich, jedem Einzelbuchstaben ein bestimmtes Symbol zuzuordnen. Also musste Harden kreativ werden, auf die Methode des Killers bei der Wiederholung der Symbole schließen und die Anzahl der Variablen reduzieren. Dann kam ihm die Erleuchtung – der häufigste Doppelbuchstabe im Englischen ist L. Also suchte er im Kryptogramm des Killers nach Gruppen von jeweils vier Buchstaben, die das Wort „kill“ ergeben könnten.
„Im Krieg überprüfen Dechiffrierexperten die erbeuteten Chiffren immer in Hinsicht auf Symbole, die das Wort Angriff ergeben könnten“, stellt Graysmith fest. Unter diesem Gesichtspunkt fanden die Hardens „killing“ zweimal sowie „killed“ und „thrilling“ je einmal. Weitere Wörter mit dem doppelten L waren „will“ (viermal) und „collecting“ (einmal). Dann entdeckten sie die Fallen, die der Killer gelegt hatte: Er verwendete 15-mal ein umgedrehtes Q, um den Code-Knackern zu suggerieren, es handele sich um den häufigsten Buchstabe E. Für das E verwendete der Killer aber sieben verschiedene Symbole. Zwei verschiedene Symbole waren jeweils austauschbar dem A und S zugeordnet. Der Killer hatte nicht nur mit der Rechtschreibung Probleme, sondern verwendete manchmal auch die falschen Chiffren. Und zwar so:

„I LIKE KILLING PEOPLE BECAUSE IT IS SO MUCH FUN IT IS MORE FUN THAN KILLING WILD GAME IN THE FORREST BECAUSE MAN IS THE MOST DANGEROUE OF ALL TO KILL SOMETHING GIVES ME THE MOST THRILLING EXPERIENCE IT IS EVEN BETTER THAN GETTING YOUR ROCKS OFF WITH A GIRL THE BEST PART OF IT IS THAE WHEN I DIE I WILL BE REBORN IN PARADICE AND THEI HAVE KILLED WILL BECOME MY SLAVES I WILL NOT GIVE YOU MY NAME BECAUSE YOU WILL TRY TO SLOI DOWN OR ATOP MY COLLECTIOG OF SLAVES FOR AFTERLIFE.
EBEORIETEMETHHPITI“


Übersetzung:
„ICH BRINGE GERNE LEUTE UM WEIL DAS ECHT SPASS BRINGT ES BRINGT MEHR SPASS ALS DAS WILD IM WALD ZU TÖTEN WEIL DER MENSCH DAS GEFÄHRLICHSTA WILD VON ALLEN IST DAS IST DAS TOLLSTE ERLEBNIS SOGAR NOCH SCHÖNER ALS ES MIT EINEM MÄDCHEN ZU TREIBEN DAS SCHÖNSTE DARAN IST DASE ICH WENN ICH STERBE IM PARADIHS WIEDERGEBOREN WERDE UND DIE ICH ERMORDET HABE WERDEN MEINE SKLAVEN ICH NENNE NICHT MEINEN NAMEN WEIL IHR VERSUCHEN WERDET MEINE SAMMLUNF VON SKLAVEN FÜR DAS JENSEITS ZU VERMINSERN ODER ZU ATOPPEN.
EBEORIETEMETHHPITI“


Weil der Killer im Kryptogramm schrieb, er würde seinen Namen nicht angeben, nahmen die Hardens an, das Anagramm der Unterschrift bedeute ROBERT EMMETT THE HIPPIE. Erst am 23. August 1992, 23 Jahre nach der Entschlüsselung des Namens durch die Hardens, erfuhr die Polizei, dass der Hauptverdächtige Arthur Leigh Allen ein eifersüchtiger Schwimmteam-Rivale seines Highschool-Kameraden Robert Emmett Rodifer war, der als Student zum Hippie wurde und später nach Deutschland zog.
„Sogar darüber sind sich die Leute nicht einig“, sagt David Fincher. „Selbst nach 35 Jahren und all den Expertisen gibt es keine absolute Wahrheit. Auch über die Dechiffrierung der Codes, Robert Emmett the Hippie eingeschlossen, wird noch gestritten, wobei Robert (Graysmith) davon überzeugt ist, dass sie stimmt.“
Fincher hat Recht, bestätigt Graysmith. Er glaubt, dass Emmett ein Hinweis war, eine Verbindung zur Identität des Killers.
„1969 knackte ein Paar von Amateuren, die Hardens, den Code des aus 312 Symbolen bestehenden Kryptogramms, das uns das Motiv des Zodiacs lieferte“, fügt Graysmith hinzu. „Ihnen gelang, was NCIS, FBI und NSA nicht zustande brachten.“
Anhand der Harden-Übersetzung konnte Graysmith das kodierte Vorhaben des Killers in Beziehung setzen zu den Methoden des Verbrechers in dem RKO-Film „Graf Zaroff, Genie des Bösen“ von 1932: Der jagt das gefährlichste Wild – den Menschen.
Nachdem die Hardens seinen Code im ersten Brief geknackt hatten, nannte sich der Killer in den folgenden Briefen Zodiac. Einige Symbole stifteten Verwirrung. Graysmith durchforstete Bücher über Codes und Chiffren und entdeckte, dass der Killer einige Symbole aus einem Chiffre-Bilder-Alphabet aus dem 13. Jahrhundert übernahm, das als Zodiac-Alphabet (Alphabet der Tierkreiszeichen) bekannt ist. Außerdem erfuhr er, dass alle Code-Bücher aus den Bibliotheken der Umgegend gestohlen oder verschwunden waren – dazu zählten die Bibliotheken des San Francisco Presidio, auf dem Marinestützpunkt Treasure Island Naval Base und im Oakland Army Terminal.
Den Hardens reichte eine Entschlüsselung. Sie knackten keine weiteren Codes.
„Sicherlich sind die quälendsten Aspekte des Falles die noch nicht entschlüsselten Chiffren, die Zodiac uns geschickt hat“, stellt Graysmith fest. „Ich hoffe weiterhin, dass einer der Filmzuschauer oder ein Leser des Buches die beiden Kryptogramme und die Karte entschlüsseln kann, die uns laut Zodiac seinen Namen und Aufenthaltsort nennen.“


Beweisstück 1 – Brief vom 20. August 1970: Ich heiße…
EXHIBIT 1 – AUG. 20, 1970 LETTER: MY NAME IS…




Übersetzung:
„Hier spricht Zodiac Übrigens habt ihr die letzte Chiffre geknackt, die ich geschickt habe?
Ich heiße —
AEN¦˜K˜M˜цNAM
Mich würde mal intresieren wie viel Geld ihr jetzt auf meinen Kopf aussetzt. Ich hoffe ihr glaubt nicht etwa ich hätte den blauen Bösen auf dem Polizeirevier ausradiert. Obwohl ich mit Einem darüber geredet habe, Schulkinder zu killen. Aber es würde einfach nicht funcktionieren, jemand anderem ins Gehege zu kommen. Aber es ist ehrenvoller einen Cop zu killen als ein Kind weil ein Cop zurückschießen kann. Bisher habe ich zehn Leute gekillt. Es wären schon viel mehr, aber meine Busbombe war ein Blindgänger. Der Regen neulich hat bei mir alles unter Wasser gesetzt.“



Elemente der Tarnung

Die Handschrift und ein teils blutiger Fingerabdruck vom Tatort des 11. Oktober 1969, an dem der Taxifahrer Paul Stine in San Francisco erschossen wurde, hielt man für den Schlüssel zu Identität des Zodiacs. Darüber waren sich die Forensik-Experten damals einig.
Doch erst Jahrzehnte später schaute sich ein anderer Experte die Handschrift in Zodiacs Briefen an und entdeckte eine Verstellung, durch die sich seine Identität feststellen ließ – für alle sichtbar.
Gerald McMenamin ist ein international anerkannter forensischer Linguistikfachmann, Professor für Linguistik an der California State University in Fresno und Autor des Buches „Forensic Linguistics: Advance on Forensic Stylistics“. Fincher und Fischer engagierten ihn, um Zodiacs Briefe zu untersuchen und auszuwerten.
„Die Codes habe ich gar nicht beachtet, weil es sich dabei um eine künstliche Sprache handelt“, sagt McMenamin. „Das Unterbewusstsein kommt nur in der natürlichen Sprache zum Tragen. Dort entdeckt man Muster, die ich untersuche – wie er seine Wörter, Silben und Morpheme trennt.“ Ein Morphem ist die kleinste Bedeutungseinheit in der Grammatik der Sprache. Sie lässt sich semantisch interpretieren.
Im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen, die die Gestaltung der Briefe, die Handschrift, Papier und Tinte analysierten, konzentrierte sich McMenamin auf Zodiacs Sprache – wie er Sätze baute, vor allem seine Wortstruktur und die Rechtschreibung.
Der Unterschied zwischen heute und den 70er-Jahren besteht darin, dass „Experten für Dokumente und Handschriften inzwischen viel größere Probleme haben, weil heute alles mit dem Computer geschrieben wird. Tatsächliche Handschriften spielen kaum noch eine Rolle. Aber die Sprache bleibt uns nach wie vor. Ein forensischer Linguist achtet auf zwei Dinge: Verstellung, und wie der Schreiber die Wörter aufteilt“, sagt er. „David Fincher wollte, dass ich wie bei einem Gerichtsgutachten vorgehe.“
McMenamin erhielt das rechtshändige Schreibmuster, das Allen am 20. September 1972 nach Aufforderung durch die Polizei lieferte. Man bat ihn, dieses Muster mit Zodiacs handschriftlichen Briefen zu vergleichen. Dieses Dokument war das einzig bekannte Schriftstück Allens, das er mit der rechten Hand geschrieben hatte – er war von Geburt Linkshänder, hatte aber auch mit seiner rechten Hand gewisse Fertigkeiten entwickelt.
„Die Beweisstücke, die ich untersuchte, bezogen sich auf den Umstand der Verstellung“, sagt er. „Hat Zodiac versucht, seine Schrift zu verstellen? Ja. Allen war beidhändig, wobei die rechte Hand seine schwächere war. Seine starke Hand war die linke, die er normalerweise zum Schreiben und bei anderen Tätigkeiten benutzte. In Zodiacs Texten fiel mir die Aufteilung seiner Wörter in Silben und Morpheme auf. Eine Schriftprobe war von Allen mit der rechten Hand geschrieben. Darin entdeckte ich fünf Zeilen und drei Trennungen, die sich mit Zodiac vergleichen ließen.“ Doch das reichte nicht aus. „Meine persönliche Schlussfolgerung? In diesen fünf Zeilen handelt es sich um dieselbe Wortaufteilung und Wortsegmentierung“, sagt er. „Ich bin überzeugt, dass Allen die Zodiac-Briefe geschrieben hat. Doch die Überzeugung ist das eine – der Beweis vor Gericht etwas anderes. Die Antwort muss absolut eindeutig ausfallen. Um den Beweis wissenschaftlich vertretbar zu machen, muss ich meine Kollegen überzeugen. Zu diesem Zweck muss ich ein Verhaltensmuster finden.“ Damit sind weitere Beispiele von Übereinstimmungen gemeint. Also brauchte er weitere Schriftproben von Allen.
Wieder erwiesen sich die Beweise gegen den Hauptverdächtigen als überzeugend.
Wieder reichten sie nicht aus.



Die Straßen von San Francisco

Ecke Washington und Cherry.
Jedes Jahr am 11. Oktober fährt Dave Toschi um 20.59 Uhr an diese Kreuzung im Viertel Presidio Heights, parkt seinen Wagen, beobachtet und wartet. Dieses Ritual wiederholt er seit 36 Jahren.
„Ich achte darauf, dass ich ständig über diese Kreuzung fahre, vor allem an den Jahrestagen. Immer wieder denke ich darüber nach – über die Fingerabdrücke und das Blut. Ich halte an und schaue einfach, ob vielleicht jemand anderer dort parkt – vielleicht zeigt sich der Killer. Ich versuche immer noch herauszubekommen, worin unser Fehler lag. Ich werde das einfach nicht los.“
Die Aufklärung des Mordes an Taxifahrer Paul Lee Stine sollte eigentlich den Höhepunkt seiner Laufbahn darstellen – ein Fall, der sich von einer Routineermittlung in einem Mordfall zu einer Kette entwickelte, die durch die Briefspur des Serienmörders verbunden war. Der junge Mord-Inspector hätte bis zum Polizeichef von San Francisco aufsteigen können. Zumindest war das 1969 sein Ehrgeiz. Doch der Ruhm verwandelte sich in Schande. Es hat nicht sollen sein.
Der in die Jahre gekommene Toschi arbeitet heute als Privatdetektiv für North Star Security – einer der nie gebührend gewürdigten Helden im Zodiac-Fall. Der Killer machte sich über den jungen Detective lustig, der noch heute von diesem Spott, von dem nicht aufgeklärten Fall verfolgt wird.
„Ich reagierte voller Demut, als Robert anrief und erzählte, dass David, Jamie und Brad mich kennen lernen wollten. Gleich zu Anfang sagte David: ,Ich will auf keinen Fall einen weiteren „Dirty Harry“-Film drehen‘ (der Originalfilm bezieht sich auf Motive des Zodiac-Falls). Ich war gar nicht sicher, ob ich mich noch an all die Einzelheiten erinnern würde, aber bei unserem Treffen fiel mir doch eine Menge wieder ein. David und Brad stellten viele Fragen, und als sie gingen, dachte ich mir: ,Hey, Toschi, ich glaube die Leute halten dich für glaubwürdig.‘ Ich habe keine Ahnung, wie man diesen Film aufnehmen wird, aber als ich nach unserem ersten Treffen das Clift Hotel verließ, merkte ich, dass ich eine Menge von ihnen erfahren hatte.“
Die Glaubwürdigkeit gehört zu den schrecklichen Paradoxen in Toschis Leben. Der Detective glaubte den Autor der Zodiac-Briefe zu kennen, doch dann beschuldigte ihn ein Redakteur des San Francisco Chronicle, einen dieser Briefe im April 1978 selbst geschrieben zu haben, damit der Fall, in dem es seit 1974 keine heiße Spur mehr gab, wieder aufgenommen wurde. So musste er sich einer beschämenden innerpolizeilichen Untersuchung unterziehen. In diesem Fall wurde er zwar entlastet – manche halten den Brief für einen Schabernack. Dennoch benutzte man die Affäre als politischen Hebel, um Toschi aus dem Morddezernat zu werfen. Dieser tiefe Sturz deprimierte ihn so, dass er mit der Zeit schwer erkrankte. 1981 brach er zu Hause zusammen. Er hielt das zunächst für eine Grippe. Doch die gewaltige Dimension des Falles, der ihn über 19 Jahre mal mehr, mal weniger beschäftigt hatte, forderte ihren Tribut: Sein Magengeschwür war geplatzt. Der Krankenhausaufenthalt kostete ihn 70.000 Dollar. Noch heute lässt er sich jedes halbe Jahr von einem Internisten durchchecken.
Das ist der Detective, den Hollywood früher als Vorbild für seine Supercops benutzte – alle Schauspieler, die diese Rollen spielten, stiegen zu Stars auf. „Dave Toschi war bekannt wie ein bunter Hund“, sagt Fischer. „Er war das Vorbild für Steve McQueen in ,Bullitt‘, Clint Eastwood in ,Dirty Harry‘ und Michael Douglas in ,The Streets of San Francisco‘ (die langjährige Hitserie ,Die Straßen von San Francisco‘ aus den 1970er-Jahren)“. Dazu Medavoy: „Ihm haben die Stars zu verdanken, dass sie zu Legenden wurden.“
„Wahrscheinlich gefiel ihnen mein Pistolenhalfter“, grinst Toschi. „Ich habe meine Waffe schon immer so getragen. Mein Halfter ist eine Spezialanfertigung – die Waffe passt umgekehrt hinein. Ich ließ es anfertigen, um schneller ziehen zu können, aber auch, damit die Waffe nie zu sehen war, wenn ich meine Sportjacke öffnete. Auch die Handschellen und Ersatzmunition verberge ich darunter. Das war bequemer so.“ Obwohl er Douglas, McQueen und Eastwood schätzt und sogar bei einer „Dirty Harry“-Premiere anwesend war, outet er sich als begeisterter Fan eines anderen legendären Detektivs: Sherlock Holmes. Nach wie vor trägt er eine Anstecknadel mit der Hausnummer des berühmtesten Detektivs der Welt in der Londoner Baker Street: 221B.
„Graysmith und sein Sohn begeistern sich für James Bond und Comic-Supercops wie Dick Tracy. Und leidenschaftlich gern entschlüsseln sie Codes und lösen Rätsel“, berichtet Fischer. „Wenn Toschi dann mal in der Redaktion erschien, war er fast von einer gewissen Hollywood-Aura umgeben – Robert verehrte ihn wie ein Idol, wie einen Fernsehhelden oder eine Figur, die aus einem Comic-Heft heraus ins reale Leben tritt.“
Ironischerweise lernte Graysmith Toschi bei jener „Dirty Harry“-Premiere erst Jahre nach dem Mord an Paul Lee Stine in jener Schicksalsnacht 1969 kennen. Inzwischen waren auch Jahre vergangen, seit Avery die Zeitung verlassen hatte. Toschi und sein langjähriger Partner Bill Armstrong hatten sich inzwischen ebenfalls getrennt – Armstrong verließ das Morddezernat endgültig.
Zunächst sah der Mord an Stine wie ein normaler Raubmord aus. Der Killer nahm die Börse und die Schlüssel des Taxifahrers an sich. Drei Teenager beobachteten die Tat vom Fenster ihres Hauses an der Ecke Washington Street/Cherry Street. Nach den Aussagen der Zeugen wurde ein Fahndungsbild gezeichnet: Gesucht wurde ein Weißer, Mitte bis Ende 30, mit Schmerbauch und kurz geschorenen Haaren. Er trug einen schwarzen Anorak. Doch die Polizeizentrale forderte Don Fouke und Eric Zelms, die beiden ersten Beamten am Tatort, auf, in der Umgebung nach einem schwarzen Verdächtigen zu suchen. Zwei Straßenblocks vom Tatort entfernt begegneten sie einem Mann auf dem Fußweg. Heute ist immer noch nicht ganz klar, ob sie ihn anhielten und mit ihm sprachen, denn Fouke bestreitet nach wie vor, dass die Begegnung mehr als ein oder zwei Sekunden dauerte – Worte seien nicht gewechselt worden.
Als Fouke und Zelms am Ende des Straßenblocks die Kreuzung Jackson und Cherry erreichten, wurden sie von dem Streifenpolizisten Armond Pelissetti angehalten, der in die Richtung ging, die die jungen Zeugen als Fluchtrichtung des Killers angegeben hatten. Er informierte sie, dass der Gesuchte ein Weißer war. Als die beiden merkten, dass ihnen der Killer vielleicht gerade entwischt war, rasten sie die Arguello Street hoch und zurück ins Presidio, um dem Mann den Weg abzuschneiden. Zu spät – er war verschwunden.
Drei Tage später kam ein Brief mit dem Hinweis „Bitte sofort zum Chefredakteur“ beim Chronicle an. Auf dem Absenderfeld sah man das unbeholfen gezeichnete Fadenkreuz eines Gewehrs; im Umschlag steckten ein Brief und der Fetzen eines blutigen grauweißen Stoffs – ein Stück von Stines Hemd.


Beweisstück 2 – Brief vom 13. Oktober 1969 und der Fetzen von Stines Hemd
EXHIBIT 2 – OCT. 13, 1969 LETTER & THE SCRAP OF STINE’S SHIRT




Übersetzung:
„Hier spricht der Zodiac. Ich bin der Mörder des Taxifahrers drüben an der Ecke Washington Street und Maple Street gestern Abend, zum Beweis ist hier ein blutgetränktes Stück seines Hemdes. Ich bin derselbe Mann, der die Leute nördlich der Bucht fertiggemacht hat.
Die S.F. Polizei hätte mich gestern Nacht erwischen können, wenn sie den Park ordentlich durchsucht hätten, statt mit ihren Motorrädern Straßenrennen zu veranstalten um zu beweisen, wer den meisten Lärm machen kann. Die Autofahrer hätten einfach ihren Wagen parken und ruhig abwarten sollen, bis ich aus der Deckung kam.
Schulkinder sind schöne Ziele, wahrscheinlich werde ich eines Morgens einen Schulbus ausradieren. Einfach den Vorderreifen platt schießen und dann die Kiddies abknallen, wenn sie rausstolpern.“


Weitere Briefe folgten. Am 22. Oktober rief jemand bei der Polizei in Oakland an und stellte die Forderung, der bekannte Anwalt Melvin Belli solle in Jim Dunbars morgendlicher Radio-Talkshow auftreten. Belli erschien, der Anrufer rief erneut an. Aber es war nicht Zodiac. Der Anruf ließ sich zum Napa State Hospital zurückverfolgen; der Anrufer war ein Psychiatriepatient.
Am 8. November 1969 schickte Zodiac dem Chronicle eine Karte. Außen befand sich die Zeichnung eines tropfenden Füllers, der an einem Faden hing. Die Chiffre im Innern umfasste 340 Symbole auf 20 Zeilen, signiert mit seinem hingeschmierten Symbol. Sie ist nie entschlüsselt worden.

Beweisstück 3 – nicht entschlüsseltes Kryptogramm mit 340 Chiffren vom 8. November 1969
EXHIBIT 3 – NOV. 8 1969 UNDECODED 340 CIPHER CRYPTOGRAM




Am 9. November folgte Zodiacs siebter Brief. Auf sieben Seiten behauptete er, die Beamten Fouke und Zelms hätten nach seinem Mord an Stine drei Minuten mit ihm gesprochen; er habe sieben Menschen getötet, und er wolle seine Methode ändern, mit der er „Sklaven“ für sein Leben im Jenseits „sammelte“.
„…Ich werde in Zukunft nicht mehr ankündigen, wann ich meine Morde begehe, sie werden wie normale Raubüberfälle aussehen, wie Totschlag im Affekt oder auch wie vorgetäuschte Unfälle usw.…“
Er schrieb, er habe keinen Fingerabdruck hinterlassen, das Fahnungsbild zeige nur eine seiner Tarnungen, „wenn ich meine Sachen mache“, und er habe sich die Zutaten zu einer Briefbombe bestellt.
„…p.s. 2 Cops haben es wirklich vergeigt – eta 3 Min., nachdem ich das Taxi verließ. Ich ging den Abhang zum Park hinunter, als ein Streifenwagen hielt & und einer mich rüberrief & fragte, ob ich jemand gesehen hätte, der sich in den letzten 5 oder 10 Min verdächtrig oder merkwürdig verhielt & sagte ja da war ein Mann, der weg lief und mit einer Kanone fuchtelte & die Cops brausten los & bogen um die Ecke, die ich ihnen genannt hatte & ich verschwand im Park anderthalb Blocks weiter und wurde nie mehr gesehen…Hey Bulle ärgerst du dich nicht wenn man dich mit der Nahse auf deine Patzer stöst?“
„Die Polizei kann mich niemals erwischen, weil ich zu schlau für sie bin…Die Todesmaschine ist bereits fertig…“
Auch heute ist Dave Toschi weiterhin davon überzeugt, dass Arthur Leigh Allen der Zodiac-Killer ist.
„Sein Bruder nahm Kontakt zu mir auf, nachdem er angerufen hatte, und redete mit einigen Beamten in Vallejo. Seine Schwägerin glaubte, er sei es. Bill und ich suchten ihn mit Jack Mulanax in der Raffinerie auf, in der er arbeitete. Er trug eine Uhr, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. Ich bat ihn, sie mir ansehen zu dürfen. Es war eine Tierkreiszeichen-Uhr mit demselben Symbol, das in den Briefen auftaucht. Er wohnte in der Kellerwohnung im Haus seiner Mutter. Zodiac erwähnt einen Keller, in dem er Bomben baut. Damals gab es in dieser Gegend kaum Häuser mit Kellern. Es gab eine Menge Indizien, die auf ihn schließen ließen – die (Militär-)Stiefel, die der Killer in Berryessa trug, die Anoraks in seinem Schrank. Als wir die Durchsuchung seines Wohnwagens durchführten, erinnerte er sich an mich von der Raffinerie her. Aber wir konnten in dieser Zeit bis zum Trailer nicht genug Beweise sammeln, um vom Staatsanwalt einen Durchsuchungsbefehl zu erhalten. Wir mussten uns darauf beschränken, dass sein Bruder Beweise für uns sammelte, wenn er in der Schule war, und das ist eindeutig keine optimale Methode. Uns waren die Hände gebunden. Am Ende waren nach den Tausenden von Verdächtigen und allen mit dem Fall beschäftigten Leuten nur noch Bill und ich mit dem Z-Fall beschäftigt. So nannten wir ihn. Dann tauchte der Killer unter“, sagt Toschi.
Rückblickend sagt Toschi, dass „Z“ die erste kalifornische Fahndung war, die sich über mehrere Verwaltungsbezirke erstreckte. Vor diesem Fall gab es grundsätzlich keine Zusammenarbeit der Bezirksbehörden, „und wahrscheinlich sind Bill und ich auf manche Zehen getreten, weil wir insistierten. Doch aus dem Killer war der Zodiac-Killer geworden. Wir wollten den Fall einfach nur klären und wieder zum normalen Alltag zurückkehren.“
Fincher bezeichnet Toschi als „großzügig“ – der Cop war nicht nur hilfsbereit, sondern gab auch gern Auskunft über sein Wissen.
Fischer fragt sich: „Wie war das wohl, als Dave Toschi und Bill Armstrong Arthur Leigh Allen erstmals Auge in Auge gegenüberstanden? Warum hielten sie es für unnötig, Don Cheney (Arthur Leigh Allens früheren Mitbewohner, der die Polizei informierte) einem Lügendetektor-Test zu unterziehen? Beide haben uns gesagt, dass Polizeiarbeit sehr viel mit Instinkt zu tun hat und von dem Gefühl abhängt, das man in Gegenwart einer Person verspürt. Doch letztlich geht es um ganz einfache Dinge: Gibt es Beweise? Reichen sie für einen Fall, der die Geschworenen überzeugt und dem Staatsanwalt vor Gericht eine Verurteilung bringt? Das ist ein Aspekt der Polizeiarbeit, von dem in Filmen selten etwas zu sehen ist. Denn der Schurke wird nicht immer dingfest gemacht. Nicht immer steht Dirty Harry bereit, um das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen, und die Stadt applaudiert ihm dankbar. Zwischen Tatsachen und Instinkt gibt es eine Grenze – zwischen dem, was man für richtig hält und dem, was man beweisen kann, zwischen Gerechtigkeit und der Frage, ob man einen Schlussstrich ziehen kann, wenn der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde… darum geht es in ,Zodiac‘. Worin liegt die emotionale Wahrheit für die Menschen, deren Leben sich verändert hat? Manche haben einen Schlussstrich gezogen, andere fühlen sich immer noch von dem Geheimnis verfolgt, obwohl sie im tiefsten Innern zugeben müssen, dass es vielleicht nie gelüftet wird.“
1992 wurde aufgrund neuer Beweise gegen Allen ermittelt – zu den Beweisen gehörten Bomben, die in seiner Wohnung in der Fresno Street sichergestellt wurden. Außerdem wurde er von Mike Mageau identifiziert, und ein Lügendetektor-Test belegte, dass Don Cheney, der Mann, der Allen als Erster verdächtigt hatte, die Wahrheit sagte. Aufgrund dieser Beweise hätte der Staatsanwalt von Solano County eine Entscheidung treffen können: Sollte man Allen vor Gericht stellen oder nicht? Sollte man ihn wegen der dem Zodiac zugeschriebenen Morde in Vallejo und Solano County verhaften? Doch noch bevor diese Entscheidung gefällt werden konnte, starb Arthur Leigh Allen in seiner Wohnung in der Fresno Street an einem Herzinfarkt.
Deshalb bleibt der „Z“-Fall weiterhin ungelöst – es ist durchaus möglich, dass der Killer immer noch auf freiem Fuß ist.

Die Angst, dass etwas offen bleibt

Dieser Film will sicherlich nicht durch eine markante Musik auffallen – umso wichtiger war der Soundtrack für die Erzählstruktur von „Zodiac“.
Vorgesehen waren ausschließlich historische Musiktitel der jeweiligen Handlungszeiträume – 40 akustische Wegweiser, die der Zodiac-Story über vier Jahrzehnte zeitliche Eckpfeiler vorgeben. Sie schaffen manchmal auch ein Zwischenspiel, eine Überleitung in der Story, wenn der Killer untertaucht.
Doch das reichte nicht aus.
Dieser Musikmischung fehlte noch die Besessenheit, die jeden Aspekt in der Erzählstruktur von „Zodiac“ dominiert – es musste noch etwas hinzukommen.
„Erst als wir im zweiten und dritten Akt des Films angekommen waren, merkten wir, dass wir der Emotion des Films noch eine weitere Ebene hinzufügen müssen“, erklärt Sounddesigner Ren Klyce. Erst waren es nur zehn Minuten, dann 20, dann noch mehr – aber es war kein Budget für die Filmmusik vorgesehen – nur die Gebühr für das Copyright der 40 Titel“ aus der Zeit von den 1960ern bis Ende der 1980er-Jahre. Erst als Klyce eine vorläufige Filmmusik unter die Szenen legte, wusste er, was er wollte: Er benutzte Musikpassagen aus Francis Ford Coppolas „The Conversation“ (Der Dialog) und Alan Pakulas „All the President’s Men“ (Die Unbestechlichen), und beide Soundtracks hatte David Shire geschrieben. „Es geht in unserem Film um Lebensläufe, die sich in einem Geheimnis verlieren, das nicht aufgeklärt werden kann, und es handelt sich auch um eine Zeitungsgeschichte“, fügt Klyce hinzu. „Und obwohl das Studio schließlich mitbekam, dass wir eine Filmmusik benötigten, musste ich das Ganze sozusagen unterhalb des Radars anschieben.“ Klyce und Fincher kennen sich zwar schon, seit sie 18 Jahre alt waren – Klyce hat für alle Fincher-Filme entweder komponiert, oder er war als Tonmischer oder Sounddesigner beteiligt. Dennoch war ihm klar, „dass mein Kopf unter dem Fallbeil lag“, weil für „Zodiac“ kein Filmmusik-Budget eingeplant war.
Fincher schätzt die Fähigkeiten des talentierten, inzwischen 70-jährigen Filmkomponisten David Shire. Er vertraut Klyce, weil der genau weiß, was er will. Doch „zunächst lehnte ich Filmmusik eher ab, ich wollte keinesfalls einen Grabgesang, und ich wollte auch nichts nachäffen, was man schon kennt“, sagt Fincher.
Während des Drehs zu „Zodiac“ erwies Fincher Pakulas Oscar-Kandidaten von 1976 konsequent seine Ehrerbietung. „Denn ich erinnere mich, dass David von Anfang an betonte: ,Ich will nicht noch einen Film über einen Serienkiller drehen. Vielmehr will ich den letzten Serienkiller-Film drehen.‘“, sagt Fischer. „Andererseits sagte er auch: ,Eigentlich ist das gar kein Serienkiller-Film, sondern eher eine Zeitungsgeschichte. Als Vorbild diente ihm der Watergate-Film ,Die Unbestechlichen‘, der ebenso die Geschichte wahrer Ereignisse mit authentischen Personen schildert.“ Sofort fügt Fincher hinzu: „Sicher geht es in ,Die Unbestechlichen‘ viel eindeutiger um hochkarätigen Journalismus. Aber es geht auch um einen Reporter, der seine Story um jeden Preis haben will, und um einen, der als Enthüllungsreporter keine Erfahrung mitbrachte. Alles steht und fällt mit seiner Besessenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“
Shire komponierte 27 Minuten Filmmusik, die über den ganzen Film verteilt wird. Viele Tracks werden während der eskalierenden Spannungen zwischen der Polizei und der Presse eingesetzt – ein durchgehend unterschwelliges Motiv, das laut Fincher „sorgfältig gestaltet werden musste“.
„Der erste Akkord, den wir hören, wird nicht aufgelöst“, sagt Shire. „Es gibt zwölf Tierkreiszeichen, und uns steht die tonale wie auch die atonale Musik zu Verfügung. Wir verwenden also zwölf Töne, ohne dass einer von ihnen je wiederholt oder manipuliert wird. Wir suchten nach einem Schema, mit dem man die Emotionen der eigentlichen Story illustrieren kann, dem Schema eines Serienmörders.“
Shire entwickelte einen subtilen Spannungs-Score, „der dynamisch wirkt, ohne dass das zu offensichtlich klingt. Die Filmemacher wollten dem Film durch die Musik eine weitere Dimension hinzufügen. Denn die Musik bezieht sich nicht nur auf die jeweilige Szene, sondern auf die Seele und den Verstand der handelnden Personen. Mir schwebte dabei vor, den einzelnen Figuren bestimmte Instrumente zuzuordnen. Toschi bekam die Trompete, Graysmith ein Thema des Solo-Klaviers, und Serienkiller Zodiac wird von dissonanten Streichern charakterisiert.“
Inspirieren ließ sich Shire von dem Meisterwerk „The Unanswered Question“ des amerikanischen Komponisten Charles Ives aus dem Jahre 1906. Das vielschichtige Stück ist für Streichquartett, ein Holzbläserquartett und Solotrompete geschrieben – jede Ebene bekommt ihr eigenes Tempo und eine eigene Tonart. Ives nannte das Stück eine „kosmische Landschaft“, wobei die Streicher „das Schweigen der Druiden repräsentieren, die nichts wissen, nichts sehen und nichts hören“. Die Trompete stellt sechsmal „die ewige Frage nach der Existenz“, und jedesmal suchen die Holzbläser nach „der unsichtbaren Antwort“, bis sie schließlich frustriert ihre Mühe aufgeben. Komponist Leonard Bernstein sah in dem Bemühen der Holzbläser das Bemühen von uns Menschen, die wir immer ungeduldiger und verzweifelter nach der Antwort auf das Unbeantwortbare suchen, bis schließlich alle Mühen an Bedeutung verlieren. Am Ende liegt die Antwort allein im „Schweigen“.
„Der gesamte Film ist eine unbeantwortete Frage“, sagt Shire. „Selbst am Ende fällt die Antwort nicht hundertprozentig aus; auch nach über 20 Jahren stellen wir immer neue Fragen. Da herrscht die Angst, dass etwas offen bleibt.“
Dieses Gefühl, diese Spannung aus der Ungewissheit heraus, wurde noch dadurch gefördert, dass Klyce einen Stil einbrachte, der ihm besonders liegt – musique concrète. Erfunden wurde diese Musikrichtung 1939 von Pierre Schaeffer. Es handelt sich um einen französischen Begriff, mit dem man elektronische Musik aus natürlichen Geräuschen und instrumentalen Tönen beschreibt, die bei der Aufnahme verändert und verzerrt werden. Später ließen sich zeitgenössische Musiker wie Frank Zappa, The Beatles in ihrem Song „Revolution 9“ und Pink Floyd bei „Bike“ auf ihrem Album „The Dark Side of the Moon“ beeinflussen.
„Ich stehe auf den Stil dieser Jungs der 20er-, 30er- und 40er-Jahre, die Klang neu definierten“, sagt Klyce. „Das wirkt so, als ob man Bruchstücke aufgenommener Musik in die Luft wirft und sie dann aneinander klebt – einfach nur analoges Aufzeichnen und Zusammenfügen.“
Shire nahm Klyces Konzept auf: „Musique concrète besteht im Grunde aus Elementen realer Geräusche in unserer Welt, der man eine Art Struktur verleiht, die dann unter die Szene gelegt wird. Also habe ich versucht, einen Score zu schreiben, der damit ein Tandem bildet.“
Der Soundtrack, wie er im fertigen Film zu hören ist, wurde von den 54 Streichern des San Francisco Orchestra bei Skywalker Sound eingespielt.
„Weil die stärkste Emotion im Herzen des Films die Besessenheit ist, hoffe ich, dass sie die Musik inspiriert hat“, sagt Shire. Er jedenfalls wurde davon inspiriert.

Vorbilder, Modelle und Muster

„Das Wunderbare bei der Arbeit mit kreativen Regisseuren wie David ist, dass man dabei eine Menge lernt“, sagt Messer. „Man erlebt mit, was sie sich vornehmen, was sie versuchen. Immer probieren sie etwas ganz Neues aus, was auch mich selbst weiter bringt. Niemand würde versuchen, David aufzuhalten – wir sind alle begierig zu erfahren, wie sie funktioniert.“
„Sie“ ist die Thomson Viper Filmstream Camera, eine High-definition-(HD)-Videokamera, die der Regisseur bei „Zodiac“ erstmals für den Dreh eines Studiofilms einsetzt. Zuvor wurde sie bereits für Werbespots und kleinere Filme vor allem in anderen Ländern verwendet. Im Grunde handelt es sich um nicht komprimierte Videosignale, die das natürliche Licht besser verarbeiten können.
„Ich wählte die Viper aus, weil ich ausprobieren will, was sie leistet, wenn man pfleglich mit ihr umgeht“, sagt Fincher. „Werbespots habe ich damit schon gedreht, aber noch nie einen Spielfilm. Doch jetzt hielt ich die Zeit für gekommen, das mal auszuprobieren. Das digitale Verfahren liegt mir, denn ich warte sehr ungern bis zum nächsten Tag, bis ich sehen kann, was ich gedreht habe.“
Der für die Technik zuständige Wayne R. Tidwell, der zuvor als Finchers Videoassistent an „The Game“, „Fight Club“ und „Panic Room“ mitgearbeitet hatte, war der Einzige in Finchers „Zodiac“-Team, der sich mit dem Viper-System bereits auskannte. Tidwell war bei fünf von Finchers Werbespots für die Datenaufzeichnung verantwortlich – kleine Projekte für Nike, Hewlett Packard, Heineken und Lexus, bei denen er sich mit den Geräten vertraut machen, die Kinderkrankheiten ausmerzen und die Vorzüge ausprobieren konnte.
„Wenn David Fincher arbeitet, überlegt er nie lange“, sagt Tidwell. „Er weiß genau, was er will. Statt uns tagelang die Muster anzuschauen, sehen wir jetzt unsere Aufnahme sofort in der Kamera in der Originalbildauflösung. Und zwar als Negativ, nicht als auf Video neu aufgebautes Bild. Es ist das Original-Bildmaterial – die Lichtwerte sind digital, die Schatten sind digital, man schaut es sich vor Ort am Set an. Die Farbe ist nicht korrigiert. Mit diesen unbearbeiteten Daten geht man dann in die Endfertigung.“ Tidwells Aufgabe bestand darin, die Daten mit einem tragbaren digitalen Recorder der S.Two Corp. aufzuzeichnen.
Natürlich kennt Fincher den traditionellen Einwand, Filmmaterial garantiere ein qualitativ besseres Bild.
„Im Gegensatz zu vielen anderen finde ich aber nicht, dass man bei digitalen Bildern von verminderter Qualität sprechen kann. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer erkennen können, ob der Film auf Filmmaterial oder digital aufgenommen wurde“, sagt Fincher. „Das soll nicht heißen, dass ich nie mehr auf Film drehen würde. Unter bestimmten Bedingungen mache ich das. Im Himalaya würde ich wohl kaum mit der Viper drehen, auch nicht in der Wüste oder im Dschungel – also nie unter extremen Temperaturbedingungen. Unsere Ausrüstung ist noch recht neu – man braucht dafür natürlich keine staubfreien Laborbedingungen, aber wir wissen eben, dass traditionelles Filmmaterial für harte Arbeitsbedingungen in problematischen Situationen besser gerüstet ist. Wahrscheinlich werden sich die geringeren Kosten bald noch deutlicher auswirken, wenn wir das Verfahren vervollkommnet haben.“
Laut Tidwell ist es das bereits: „Wir machten uns Sorgen und fragten uns, wie viel die Geräte wohl aushalten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Geräte deutlich seltener versagten als bei Dreharbeiten mit üblichem Filmmaterial. Insgesamt haben wir etwa eine bis anderthalb Stunden dadurch verloren. Auch beim Film bleibt der Streifen schon mal in der Kamera stecken, und manchmal bleiben Haare im Bildfenster hängen, oder das Negativ bekommt einen Kratzer. Doch bei dieser HD-Kamera gibt es kein Bildfenster, kein Negativ, das zerkratzt werden kann, weil die Daten direkt auf dem Laufwerk aufgezeichnet werden.“
Während der drei Jahre, in denen Fincher und Tidwell mit der Viper beim Drehen von Werbespots Erfahrung sammelten, entwickelte Fincher einen weiteren kostensparenden Aspekt für Filmemacher. Die so genannte Autoklappe spart Zeit, wie Tidwell berichtet: „Auf den ersten fünf Einzelbildern jedes Takes erscheint optisch die Klappe, die wie eine real gefilmte Klappe aussieht – das ist die Tafel, die zu Beginn jeder Aufnahme geklappt wird. Dieser Vorgang braucht Zeit, etliche Sekunden, die sich addieren. Bei der Autoklappe markiert die Kamera Bild und Ton selbstständig. Angenommen, das dauert sonst etwa zehn Sekunden – multipliziert mit den 250 bis 500 Takes pro Tag: Die sparen wir uns. Zeit ist Geld. David hatte die Idee, mit seiner Weitsicht hat er das schon vor Jahren für die Werbespots entwickelt. Und jetzt hat er das auch beim Spielfilm eingeführt.“
Doch sein Erfindungsgeist ging noch weiter – auch beim Schneiden führte Fincher mit dem Verfahren Final Cut Pro eine Neuerung ein.
„Das Schnittverfahren Final Cut Pro besteht einfach darin, schon vorhandene Mac-Technik einzusetzen“, sagt Fincher. Im Grunde „war ich echt sauer auf die Techniker des üblichen Schnittverfahrens AVID, weil die sich auf die Bedürfnisse der Filmemacher nicht richtig einstellen. Offenbar war denen das egal. Jedenfalls reagierten sie arrogant. Dann interessierte Apple sich für diesen Bereich der Branche und entwickelte ein richtig tolles System, das funktioniert. Es ist einfach und direkt und spart Kosten.“
Aus Cutter Angus Walls Sicht „wird der Cutter durch diese Technik fast vollständig unabhängig – das ist wunderbar, viel effizienter. Die Arbeit ist einfacher, weil man täglich an die Produktion angeschlossen ist. Außerdem gibt es keinen chemischen Abfall wie beim Film, was auch eine wichtige Rolle spielt. Viele junge Filmemacher haben uns angesprochen und wollten wissen, wie wir diese Geräte verwenden. Sogar eine Frau aus Amerikanisch-Samoa, die eine Doku dreht, wollte alles über die Geräte und ihre Verwendung erfahren.“
Zu den bei „Zodiac“ verwendeten Geräten gehören im einzelnen: HD zur Übertragung auf Film; 2 Thomson Viper Filmstream-Kameras; die Bilder der Kameras werden von einem tragbaren Recorder S Two D.Mag aufgezeichnet; 2 x Back Focuser; 2 x Astro HD 6-Zoll-Monitore; und 8 x 29-Volt-18-Ampere-Lithium-Batterien. Zusatzausstattung: zuschaltbare Matte-Boxen/FollowFocus/Baby- und normale Stative mit Höhenvariablen; 2 x Stativ-Gelenkköpfe O’Connor Ultimate 2575; und 1 x Lambda-Gelenkkopf. Grundsätzliche Filteraussrüstung: NDs/Polas/optische Blitzdämpfer/Tiff Diffusions/Dioptors. Als Objektive werden Zeiss-Digital-Linsen eingesetzt: 5mm t1.9; 7mm t1.6; 10mm t1.6; 14mm t1.6; 20mm t.1.6; 28mm t1.6; 40mm t1.6; 70mm t1.6 Nahfocus; und 2 x Zeiss 6-24mm Zoom t1.9.
Kameramann Harris Savides, A.S.C., erklärt, wie die Geräte funktionieren:
„Die Viper ist eine High-Definition-(HD)-Videokamera, die die Daten ungefiltert aufnimmt – das heißt, die Kamera gibt die Bilddaten von den Sensor-Chips unbearbeitet weiter. HD-Sensor-Chips produzieren ungeheure Datenmengen. Ursprünglich zeichneten die HD-Kameras auf Magnetband auf, doch dieses Medium kann die hohe HD-Datenmenge nicht aufnehmen. Die Kamerahersteller reagierten auf diesen Nachteil, indem sie die Daten komprimierten und die Datenfrequenz so reduzierten, dass das Magnetband ausreichte. Doch wenn Daten komprimiert werden, muss schon während der Komprimierung über Farbausgleich, Kontrast, Helligkeit usw. entschieden werden. Sobald das entschieden und das Resultat komprimiert ist, führen alle weiteren Änderungen zu einem Qualitätsverlust im Bild. Letztlich müssen die Filmemacher mit dem leben, was auf dem Band aufgezeichnet wurde. Die Viper verabschiedet sich von diesem Denkmuster und geht einen Riesenschritt weiter. Statt vorher über das Bildverfahren zu entscheiden und dann die Daten zu komprimieren, nimmt die Viper die Daten nur auf und gibt sie unmodifiziert und unbearbeitet weiter. In der Viper selbst ist kein Aufzeichnungsgerät enthalten, sie ist also auf einen externen Recorder angewiesen. Die Filmemacher können wählen: Einerseits können sie auf einem Magnetband-Recorder aufzeichnen, zum Beispiel auf dem Sony HDCAM Tape System. In diesem Fall werden Entscheidungen zum Bild getroffen und die Daten dann komprimiert. Doch andererseits stehen jetzt der tragbare Digitalrecorder S Two und der Thomson-Datenrecorder Venom zur Verfügung, und so können die Filmemacher auch entscheiden, die rohen Daten aufzuzeichnen. Diese Recorder haben eine hohe Kapazität und zeichnen mit hohem Tempo auf, können also die unkomprimierten HD-Daten verarbeiten. Entsprechend können die Filmemacher später die Daten beliebig modifizieren, ohne an Bildqualität einzubüßen. Außerdem steht den Filmemachern so die ganze Bandbreite der Bildbearbeitung in den Post-Production-Geräten zur Verfügung – sie sind nicht mehr auf die in den Kameras eingebauten Funktionen angewiesen.“
Savides hat bereits an Finchers „Se7en“ und „The Game“ mitgewirkt. Wie der Regisseur sagt auch er: „Ich probiere gern neue Sachen aus.“ Wie wahr. Von Savides stammt der Vorspann zu „Se7en“ – ein Vorspann, der die üblichen Modelle und Denkmuster auf den Kopf stellte und den Look der Spielfilm-Titelsequenzen viele Jahre nachhaltig beeinflusste.
„Die Leute haben ja keine Ahnung“, lacht Savides. „Das hat richtig Spaß gemacht. Wir haben einfach mit der Kamera herumgespielt. Wir brauchten dafür etwa zwei Tage. Wir haben einfach mit zerbrochenen Spiegeln experimentiert. Bei einem anderen Auftrag hatte ich mit Spiegeln zu tun, und da überlegte ich mir: Das ist es doch! Wir haben einfach Quatsch gemacht. Für eine Sequenz drehten wir eine Großaufnahme von einem Faden, der ganz straff um den Finger eines Mannes gezurrt wurde, damit es wirklich gruselig und spannend aussah. Ich fing so laut an zu lachen, dass die Kamera wackelte – und so haben wir einfach weiter gemacht! Dadurch kamen wir auch auf den Kniff mit den sich bewegenden, fragmentierten Bildern! Es ist schon komisch, wie oft das dann nachgeahmt wurde.“
Als Fincher Savides dann vorschlug, die Viper auszuprobieren, war Savides sofort dabei. „Bei der Viper braucht man keine Lichtmessgeräte“, erklärt Savides. „Bei der Ausleuchtung geht es vor allem um das Verhältnis von Licht und Schatten. Filmmaterial kann bestimmte Werte innerhalb von Toleranzgrenzen verarbeiten, und ich weiß in etwa, was funktioniert. Interessanterweise weiß ich in manchen Fällen bis heute nicht, wie es reagiert. Das Tolle an der Viper ist natürlich, dass man auf keinerlei Kompression Rücksicht nehmen muss. Der einzige Nachteil ergibt sich allerdings beim Filmen in starkem Licht, gegen das Sonnenlicht oder gegen hell erleuchtete Fenster. Gegenlicht kann die Kamera nicht so gut wie eine Filmkamera verarbeiten. Dieses Problem ist in Digitalkameras sozusagen eingebaut.“
Derzeit arbeitet Savides an zwei weiteren Filmen, die jeweils auf Filmmaterial aufgenommen werden. „Die Dreherfahrung mit der Viper kann man mit Filmmaterial ebenso schlecht vergleichen wie Äpfel mit Birnen“, sagt er. „Ich habe das als neue Herausforderung erlebt, denn wir mussten mit dem Rohbildmaterial arbeiten.“
Doch das erwies sich laut Wall als Vorteil: „Das Verfahren steht ja noch am Anfang – ich bin sicher: In ein paar Jahren schauen wir zurück und werden staunen, wie schnell sich die Dinge entwickeln. In Zukunft werden Filme bestimmt ganz anders gedreht.“



Dreharbeiten zu „Zodiac“

„Das Großraumbüro des alten Chronicle war so lang wie der ganze Häuserblock. Alles war authentisch: die Lampenfassungen, die alten Schreibmaschinen, der Stuck, der U-förmige Tisch, wo die Manuskripte redigiert wurden. Alles funktionierte – die alten Telefone, die Trinkwasserspender, die Aufzüge und das pneumatische Rohrpostsystem. In den Schubladen der Schreibtische lagen sogar Chronicle-Notizblocks und Bleistifte der Marke Eagle. Doch wer würde nach so vielen Jahren noch merken, ob diese Details akkurat sind? Natürlich David Fincher selbst.“
Autor Robert Graysmith

Beim Look zu „Zodiac“ gab es nur eine Vorgabe: Zurückhaltung.
Obwohl der Film eine vergangene Zeit beschreibt – sogar mehrere Zeitabschnitte, „wollte ich den Kitsch der frühen 70er-Jahre nicht imitieren. Also kein ,Starsky & Hutch‘-Stil, keine Tapeten in Orange und Avocado-Grün, keine Verbeugungen vor Pop-Art-Künstler Peter Max“, sagt Fincher. „Dennoch lege ich auf Authentizität Wert, was bedeutet: Die älteren Geschwister bestimmen den Look der Zimmer, die Welt sieht so aus, wie die Eltern sie geprägt haben, wie ihre Elternhäuser aussahen. Wir alle besitzen Dinge, die über Generationen vererbt worden sind. Das erkennt man deutlich in Roberts Junggesellenwohnung. Wahrscheinlich hätten wir noch mehr VW-Käfer zeigen sollen, aber trotzdem gelingt uns doch eine angemessene Darstellung jener Zeit. Technisch ist das nicht perfekt umgesetzt. Ein paar Mängel sind sichtbar, aber einige davon sogar ganz bewusst. Durch die Musik wird das ganz deutlich.“
Laut Fischer drehte das Team fünf Wochen lang im Großraum San Francisco, den Rest in Los Angeles. Dass alles reibungslos klappte, hält er Produzentin Ceán Chaffin zugute: „Ceán hatte die äußerst komplizierte Produktion mit über 100 Drehtagen zwischen San Francisco und Los Angeles voll im Griff und schloss den Dreh ab, ohne das Budget ganz auszuschöpfen. Sie gehört zu den besten Herstellungsleitern der Branche. Ihr gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen den hohen Ansprüchen des Regisseurs und dem nötigen Management der finanziellen Ressourcen, wobei sie dem Drehteam immer mit Respekt und Hochachtung begegnet.“
In Los Angeles baute man die Büros des San Francisco Chronicle im alten Postamt im Terminal Annex Building im Zentrum der Stadt nach. Ein Gebäude in der Spring Street doubelte das Gerichtsgebäude und das San Francisco Police Department. Weil der Golfplatz Blue Rock Springs heute völlig anders aussieht als 1969, drehte man an Ersatzschauplätzen bei L.A. Auch Vallejo hat sich seit damals dramatisch verändert, sodass man einige der dortigen Szenen stattdessen in Downey drehte.
Laut Produktionsdesigner Donald Graham Burt zählt Lake Berryessa, wo Shepherd und Hartnell überfallen wurden, zu den kostspieligsten Sets des Films. „Als wir uns den Schauplatz ansahen, ragte eine kleine Landzunge wie eine Halbinsel ins Wasser. Die Eichen, hinter denen sich der Killer versteckt hat, gibt es nicht mehr. Deshalb mussten wir zwei große Eichen per Helikopter einfliegen. Wir bohrten Löcher in den Boden und bewässerten sie, damit sie nicht vertrockneten. Wir setzten sie dort erst drei oder vier Tage vor den Aufnahmen ein, weil klar war, dass sie das nicht lange aushalten würden“, sagt Burt. „Dabei haben wir die Szenerie anhand der Fotos rekonstruiert, die damals vom Tatort gemacht wurden.“
Laut Fischer waren die Bäume für die Story unabdingbar, „weil Zodiac sich hinter diesen Eichen versteckte und Cecilia ihn dort sah. Sie zählen zu einer geschützten kalifornischen Eichenart! Also ein teures Requisit.“
Als Vorlage für die Kostüme stellte Graysmith dem Kostümbildner Casey Storm Fotos aus den 60er- und 70er-Jahren zur Verfügung, „die wahrscheinlich vom Redaktionsfotografen der Zeitung gemacht wurden. Weil viele handelnde Personen unseres Films noch leben, war es sehr wichtig, sie genauso darzustellen, wie sie sich selbst sehen. Ich habe noch nie an einem Film mitgewirkt, in dem es um derart viele reale Personen geht. Insgesamt bemühen wir uns um nüchternen Realismus, denn hier spielen Reporter und Cops die Hauptrolle, die nicht gerade dafür bekannt sind, dass sie sich besonders elegant kleiden.“
Storm berichtet, dass er Polizeifotos von der Kleidung der Mordopfer als Vorlage benutzte: „Wir schneiderten eine exakte Kopie des Anzugs, den Darlene Ferrin trug – ein blauer Overall ohne Ärmel. Wir haben die Fotos gescannt und den Stoff danach zugeschnitten. Das mag etwas morbide erscheinen, doch weil wir es mit einer wahren Geschichte zu tun haben, legt Fincher besonders großen Wert darauf, dass wir den Beteiligten und den Fakten möglichst weitgehend gerecht werden.“ Eines der überlebenden Opfer, Bryan Hartnell, übernimmt im Film sogar eine Gastrolle, wie Storm erzählt: „Er spielt einen Detective im Gerichtsgebäude – er trägt graue Hosen und einen Tweed-Mantel.“
Laut Savides sind die Farbgebung und der Look „dem überhöhten, aber nicht übertriebenen Realismus des Films angepasst. Ich spreche nicht gern darüber, worin dieser Look besteht, denn wenn ich an einem Film arbeite, möchte ich eher, dass die Zuschauer nur das mit nach Hause nehmen, was sie selbst wollen. Die Story bestimmt den Look. Natürlich haben wir bestimmte Richtungen vorgegeben, aber diese schwerpunktmäßige Ausrichtung verschwindet mehr oder weniger, wenn die konkrete Arbeit beginnt. Entscheidend für mich ist der Naturalismus der Kameraleute William Eggleston, Todd Hido und Steven Shore.“
„In jeder Hinsicht hat David den Film gemacht, den er machen wollte – seine Vision prägt die Story“, sagt Medavoy. Obwohl der Film zwei Stunden und 34 Minuten dauert, „reißt er uns derart mit, dass man jedes Zeitgefühl verliert, denn wir werden Zeuge, wie die Hauptpersonen ihr Ziel nie aus den Augen lassen – und wir sind immer dabei. Die Filmlänge ordnet sich immer dem Interesse unter: Wenn ich interessiert bin, merke ich nicht, wie die Zeit vergeht.“
Die Dreharbeiten begannen am 12. September 2005 und wurden im Februar 2006 abgeschlossen. „Weil David sowohl die Story als auch die Technik voll im Griff hat und das Ziel optisch klar vorgibt, lief die gesamte Produktion wie eine gut geölte Maschine“, sagt Executive Producer Louis Phillips.
Über diese gut geölte Maschine schreibt Robert Graysmith derzeit ein neues Buch:
„Ich habe die Gespräche der Filmemacher mit den Original-Detectives an den Tatorten aufgenommen, machte Fotos mit Wegwerf-Kameras und nutzte also mein Privileg, so hautnah mit einem großen Regisseur zusammenzuarbeiten, der nicht gerade häufig Interviews gibt. Ich war Zeuge, wie sie erschreckende neue Fakten aufdeckten. Sie waren unerbittlich. Das Buch ist noch nicht fertig. Es hört dort auf, wo die meisten Filmbücher beginnen: als die ,Zodiac‘-Produktion grünes Licht bekam. Ich nenne es ,Shooting Zodiac‘ – Zodiac im Visier.“


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