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Jin-Roh
ein Film von
Hiroyuki Okiura
nach einer Idee von Mamoru Oshii, dem Regisseur
von GHOST IN THE SHELL
Japan 1998, 98 Min., Farbe, Anime, OmdU
Regie Hiroyuki OKIURA
Drehbuch Mamoru OSHII
Produktion Bandai Visual Co., Ltd.
Produzenten Tsutomu SUGITA
Hidekazu TERAKAWA
Computeranimation Tetsuya NISHIO
Regie Animation Kenji KAMIYAMA
Musik Hajime MIZOGUCHI
Kurzinhalt
Japan, zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Es verhärten sich die Fronten zwischen Regierungsgegnern und der Polizei, unter Einsatz scharfer Waffen eskalieren die Zusammenstöße in den Straßen. Ein junges Mädchen verübt vor den Augen des Anti-Terror Polizisten Fusé ein Selbstmordattentat - den läßt das Bild des Mädchens nicht mehr los; er besucht ihr Grab und trifft dabei auf ihre ältere Schwester, mit der er eine ungewöhnliche Affäre beginnt.
Verflochten mit der Liebesgeschichte sind die Verwicklungen rund um die komplexe Organisation der Polizei, in der sich durch eine politische Verschwörung rivalisierende Splittergruppen gegenseitig bekriegen. Es kursieren Gerüchte über eine mysteriöse Einheit namens Jin Roh (Menschlicher Wolf), von der niemand weiß, ob sie existiert und welche Ziele sie verfolgt. Am Ende liegt es bei Fusé, eine Entscheidung zu treffen, um all diese Kämpfe zu einem Ende zu bringen.
Full Credits
Japan 1998, 98 min., Farbe, Anime
Regie
Hiroyuki OKIURA
Drehbuch
Mamoru OSHII
Produzenten
Tsutomu SUGITA, Hidekazu TERAKAWA
Produktionsfirma
Bandai Visual Co., Ltd.
Ausf. Produzenten
Shigeru WATANABE, Mitsuhisa ISHIKAWA
Key Animation Supervisor
Tetsuya NISHIO
2nd Key Animation Supervisor
Toshiyuki INOUE
Art Direction
Hiromasa OGURA
Herstellungsleitung
Kenji HORIKAWA
Regie Animation
Kenji KAMIYAMA
Grafik
Takashi WATABE
Farbdesign
Yumiko KATAYAMA
Fahrzeugdesign
Tadashi HIRAMATSU
Waffendesign
Kazuchika KISE
Kamera
Hisao SHIRAI
Schnitt
Shuichi KAKESU
Sound
Kazuhiro WAKABAYASHI
Musik
Hajime MIZOGUCHI
Langinhalt
Molotowcoktails und Steine schwirren umher. Eine wütende Menge hat sich in Akasaka, Tôkyô versammelt und trifft an einer Straßenkreuzung auf eine schlagkräftige Einsatztruppe der Polizei. In dieser Nacht kocht die Stimmung wieder über: Aus einer zunächst pazifistischen Demonstration entwickelt sich ein gewalttätiger Mob, der die allgegenwärtige Stimmung im Land auszudrücken scheint. Über zehn Jahre sind seit Kriegsende vergangen und trotzdem hat die Regierung die Wirtschaftskrise nicht bewältigt, stattdessen gehen die Machthaber der Drangsalierung des Volkes voller Eifer nach. Mitten in den Tumulten taucht ein Mädchen in einem roten Mantel auf. Sie übergibt einem der Demonstranten eine Tasche, dieser rennt durch die Menge zur vordersten Front und schleudert die Tasche auf die Polizisten – eine Explosion erfolgt.
[...] Die Geschichtsschreibung hat in Jin-Roh [...] einen anderen Weg genommen als den, den wir kennen. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende und die deutsche Wehrmacht (!), nicht die amerikansichen G.I.’s besetzen Japan. Eine Phase der wirtschaftlichen Unsicherheit beginnt und bereitet so den fruchtbaren Boden für eine Antiregierungsbewegung. Als diese jedoch als verfassungswidrig verboten wird, schält sich eine Terrorgruppierung als der harte Kern der Regierungsgegner heraus, die als die „Sekte“ bezeichnet wird. Der Staat hat eine Antwort für die vorwiegend im urbanen Untergrund agierende Gruppe parat: Eine Spezialeinheit der Polizei für die Bekämpfung anderer Meinungen gibt es bereits: die sogenannte Hauptstadtpolizei. Sie ist gegründet worden, um einerseits zu verhindern, dass die eigentliche Polizei mehr und mehr nach politischen Kompetenzen greift, andererseits um auch das Militärwesen von inneren Aufgaben fernzuhalten: Sie soll gegen die „Sekte“ vorgehen, und das mit aller Härte.
Kazuki Fuse, die Haputfigur von Jin-Roh, ist Angehöriger von Kerberos, der Wolfsbrigade, der Kommandoeinheit innerhalb der Hauptstadtpolizei. Er ist bei der anfangs geschilderten Straßenschlacht zugegen, und zwar ein Stockwerk unter den Handgreiflichkeiten zwischen Demonstranten und der Polizei: Die Kanalisation von Tôkyô ist der Schauplatz des Kampfes zwischen der Wolfsbrigade und den Drahtziehern hinter den Geschehnissen auf der Oberfläche, der „Sekte“. Dort spürt Fuse’s Einheit – in voller Protection Gear (Montur) bald die Angehörigen der „Sekte“ auf, die hinter der Aktion mit dem explosiven Wurfgeschoss stecken. Sie werden auf das erste Anzeichen, sich zu wehren, beseitigt. Zuletzt steht Fuse vor dem Mädchen im roten Mantel. Unschuldig sieht sie aus. In ihrem Blick scheint er nur die nackte Angst zu sehen – und das Unvermögen, sich zu ergeben.
Und mit Fuses Zweifel an seiner Arbeit beginnt die Story zu greifen: Für die „Sekte“ ist die Hauptstadtpolizei der erklärte Feind. Aber auch für die ehrgeizigen Polizeioberen reichen die Aufgabenfelder dieser Spezieleinheit zu sehr in ihren eigenen Kompetenzbereich hinein. Sie ist, wenn nicht ein Feind, zumindest ein Rivale, den es zu bekämpfen gilt. Schließlich ist die Hauptstadtpolizei in sich gespalten: Auf der einen Seite befindet sich die Investigationsabteilung, die eher hinter den Kulissen den Bewegungen im Untergrund nachspürt, auf der anderen Seite gibt es die Kommandoeinheit, eine Elitetruppe, auch Kerberos genannt. Für die Investigatoren ist Kerberos in Zeiten der allmählichen wirtschaftlichen Erholung des Landes längst ein veraltetes Instrument der Unterdrückung. Fuses Unsicherheit findet also einige Interessenten, denn nur zu leicht könnte sie der Hebel sein, durch die Kerberos dauerhaft geschädigt werden könnte.
Storytechnisch wird der Zuschauer in die Konstellation Hauptstadtpolizei / Polizei / „Sekte“ eingeführt und dennoch handlet es sich nicht um einen Politthriller. Vielmehr bietet die Politik die Kulisse für ein allzu menschliches Drama, einer Art modernes Rotkäppchen-Märchen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen Kazuki Fuse und ein Mädchen, das sich als Schwester des Mädchens im roten Mantel vorstellt. Fuse wurde zum Einsatz in der Elitetruppe ausgebildet, mit dem Anziehen des Protection Gears legt er zugleich die menschlichen Züge ab und wird zum tödlichen Instrument der Regierung. Und doch: Der ewige Kriegszustand im Kopf kann nicht verhindern, dass sich sein menschliches Unterbewußtsein meldet. Er wird mit dem Gefühl der Liebe konfrontiert und steht vor dem Scheideweg: Entscheidet er sich für den Weg des Menschen oder den des Wolfs?
[...]
Aus „Der Weg des Wolfs“ von Gyo Araiwa, Animania 3/2001
Auszeichnungen und Festivals
- 1999 Internationale Filmfestspiele Berlin, Panorama
- 1999 Fantasporto (Festival Internacional de Cinema do Porto, Portugal),
Auszeichnung mit dem Fantasia Section Award (Best Film Animation) und
dem International Fantasy Film Special Jury Award
- 2000 Animagic, Koblenz
- Mai 2001 Japanese Anime Festival, Long Beach, California
- September 2001 Filmkunstmesse Leipzi

Interview mit Mamoru OSHII
Interviewer: Kenji KAMIYAMA (Go Arai), Performance Director von Jin-Roh.
[…]
Ich wollte niemals ein nur-Drehbuch Projekt machen, aber dann dachte ich mir dass, wenn OKIURA Regie führen würde, ich es doch tun könnte. Außerdem wollte ich dieses Drehbuch unbedingt schreiben. [...]
Wenn es möglich gewesen wäre, hätten Sie dann lieber selber Regie geführt?
Ja, sehr gerne, besonders, nachdem ich das Drehbuch geschrieben hatte. Wenn ich ehrlich bin denke ich immer noch, dass ich es hätte selber machen sollen – ich wollte es niemals aus der Hand geben an jemand anderen.
[...] Seit Sie bei Ghost in the Shell ( = GITS) Regie geführt haben, ist das Bild der Branche von Ihnen OSHII = DIGITAL. Wenn Sie Jin-Roh selber gemacht hätten, hätten Sie einen digitaleren Film gemacht, so wie GITS?
Ja, das denke ich. [..] Ich habe eine Menge gelernt bei der Arbeit an GITS. Ein Computer kann viel mehr als nur einfach zu digitalisieren. Man kann ihn auch benutzen, um die analoge Welt zu gestalten, besonders die vertikalen Kamerabewegungen, die Linseneffekte und noch vieles mehr. [...] Das größte Problem ist, dass OKIURA allergisch gegen Computer ist.
[...] Als Regisseur versucht er, ihn einzusetzen, aber dann merkt er, dass er damit nicht zeichnen kann.
Er sagt immer, dass es schneller geht, mit der Hand zu zeichnen. Das ist einfach seine Natur. Es spielt keine Rolle , welche Möglichkeit schlechter oder besser ist.
Als ich Ihr Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, erinnerte mich die Hauptfigur Fuse an OKIURA. Ich meine, sein Naturell ähnelt dem von OKIURA sehr. Haben Sie an ihn gedacht, als Sie Fuses Charakter entwickelten?
Nicht wirklich. Ich habe OKIURA nie gefragt, was er mag oder wofür er sich interessiert oder irgendwas persönliches. Alles, was ich über ihn weiß ist, dass er ein Drama über das komplexe Leben der Charaktere machen wollte. Er wollte kein Fantasy machen, nur Dramatik. Außerdem war das meine erste Zusammenarbeit mit OKIURA – doch ich habe schon das Gefühl bekommen, dass er und die Hauptfigur sich sehr ähnlich sind. [...]
Sie würden es generell bevorzugen, nicht nur das Drehbuch zu schreiben?
Grundsätzlich, ja. Nicht, dass ich es hassen würde, aber es macht die Dinge viel komplizierter. [...] Regie führen bedeutet, seine eigenen Ideen im schon vorhandenen Script zu entdecken, die man teilweise oder vollständig für das verwendest, was man gestaltet. In diesem Sinne gibt es keine Möglichkeit, zu verhindern, dass das Ergebnis etwas völlig anderes wird.
Sie haben bestimmt recht, ich könnte das mit einem Blick auf das Storyboard bestätigen. [...]
Danke für Ihre Zeit.

Interview mit Kenji KAMIYAMA
Kenji Kamiyama hat als Performance Director bei Jin-Roh mitgearbeitet. Auszüge aus einem Interview mit der Animania, Ausgabe 3/2001.
Herr Mamoru Oshii hat das ursprüngliche Buch zu Jin-Roh geschrieben, Herr Okiura hat dann Regie geführt. Die beiden sind eigentlich das pure Gegenteil, was den Einsatz von Computergrafik bei der Anime-Produjtion angeht. Wie schätzen Sie sich ein?
Ich würde mich nicht einem Lager verschreiben. [...] Es gibt aber eine letzte Weisheit, der ich mich verschreibe, und das tun sowohl Herr Oshii als auch Herr Okiura: Und das ist, dass Handgezeichnetes gegenüber den Zuschauern die stärkste Wirkung hat. [...]
Gibt es dennoch Momente, bei der Arbeit an Jin-Roh, in denen Sie die Inszenierung von manchen Szenen durch Computereinsatz für effizeinter gehalten hätten?
Es gibt einen sehr kleinen Anteil an Einsatz von Computern bei Jin-Roh, so z.B. bei den Szenen mit der Straßenbahn. Nur wird dieser Einsatz mit vorgefassten Maßnahmen sehr klein gehalten. Wenn man aber diese am Computer erstellten Szenen dann gleich über den Rechner rendert und belichtet, wäre Herr Okiura der Auffassung, dass die Seele verloren gehen würde. So wurden die Straßenbahn- Szenen mit der Hand weiterverarbeitet, was sehr anstrengend ist. Es gibt natürlich die Möglichkeit, alles per Computer zu machen, aber die Szene, in der die Straßenbahn durch den Regen fährt, hat durch die analoge Bearbeitung etwas „Warmes“, Seele erhalten. Das hat dann auch sehr gut in diese fiktive japanische Welt der 60er Jahre gepasst. [...]
Jin-Roh spielt in einem von Deutschland besetzten Nachkriegsjapan. Wie wollten Sie das atmosphärisch umsetzen?
Hm... es ging uns nicht so sher darum, dass sich die Besatzung im Stadtbild Tôkyôs niederschlägt. Das deutsche Image, wenn man so sagen kann, spielt eher eine Rolle beim Aussehen der Uniformen, insbesondere bei Fuses Metropolitan Police-Einheit. Die mit dieser Einheit verfeindete Polizeieinheit richtet sich weniger nach deutschem Image, so sollte der Unterschied gezeigt werden [...]
Ich danke für das Gespräch.

Cast
Mamoru OSHII (Drehbuch)
Oshii wurde am 8. Agust 1951 in Tokyo geboren. Im Bereich der Animation fand er Anerkennung als Regisseur der erfolgreichen Serie „Urusei Yatsura“. Seine eigenständige Animation „Urusei Yatsura 2: Beautiful Dreamer“ wurde von Filmkritikern ebenso sehr bejubelt, und er fuhr fort und kreiierte solche kühnen Filme wie „Dallos“, „Angel’s Egg“, „Twilight Q: FILE 538“ und die berühmte „Patlabor“-Serie, während er außerdem bei einer Reihe von Live-Actionfilmen Regie führte. 1995 wurde sein Film „Ghost in the Shell“ eine weltweite Sensation als visionäres Porträt der nahen „digitalen“ Zukunft. Zur Zeit arbeitet er an einem vollständig digitalen Filmprojekt.
Hiroyuki OKIURA (Regie)
Okiura wurde am 13. Oktober 1966 in Osaka geboren. Er arbeitete an zahlreichen TV Serien und anderen Animationsprojekten als Trickzeichner oder Computeranimator mit, bevor er seinen ersten Auftrag bei einem abendfüllenden Werk übernahm: „Akira“. Im folgenden wirkte er unter anderem an Projekten wie „Mobile Police Patlabor 2 The Movie“, „Ghost in the shell“, für den er auch als
Charakterdesigner arbeitete, und Katsuhiros OTOMOS „Memories“ mit. Es war Mamoru OSHII, der empfahl, OKIURA solle mit Jin-Roh sein Regiedebüt nach OSHIIS Vorlage machen.
FILMOGRAPHIE Mamoru OSHII
1980-81 The wonderful adventure of Nils (anime TV-Serie)
1981-86 Urusei Yatsura (anime TV-Serie)
1983 Urusei Yatsura: Only You (Animation feature)
1983-84 Dallos 1-4 (Animation video)
1984 Urusei Yatsura: Beautiful Dreamer (Animation feature)
1985 verschiedene Videos
1986 The red spectacles (Spielfilm)
Twilight Q2: FILE 538 (Animation video)
1988-89 Patlabor (Erste Serie, sieben Videos)
1989 Mobile Police Patlabor (Animation Feature)
1989-90 Patlabor (Animation TV-Serie)
1990-92 Patlabor (Zweite Serie, 16 Videos)
1991 Stray Dog – Kereberos Panzer Cops (Spielfilm)
1992 Talking Head (Live action feature)
1993 Mobile Police Patlabor 2 (Animation feature)
1995 Ghost in the shell (Aniamtion feature)
FILMOGRAPHIE Hiroyuki OKIURA
Als Key Animator:
1988 Akira
1991 Roujin Z
1993 Mobile Police Patlabor The Movie 2
Memories
1995 Ghost in the shell (als Charakterdesigner + Chief Animator)
1998 Jin-Roh (als Regisseur)

Hintergrund
[...] Das chinesische Zeichen für „Fuse“ wird aus zwei Elementen zusammengesetzt. Links steht das Radikal für Mensch, rechts für Hund. Der Drehbuchautor von Jin-Roh war Mamoru Oshii (Regie bei Ghost in the Shell), und er hat sich für diesen Namen mit dem Zeichen entschieden, da er sich schon länger mit der Thematik des Hundes, der seinem Herrn dient, auseinandergesetzt hatte. In der Tat liest sich die Geschichte von Jin-Roh als ein interessanter Werdegang einer Idee: Bereits 1986 entstand die erste Realfilm-Regiearbeit von Oshii, die den Namen Akai Megane (Die rote Brille) trug und in Grundzügen die Jin-Roh-Welt in sich trägt. Im selben Jahr wurde die Mangaserie Kenro Densetsu (Die Legende vom Wolfshund) ins Leben gerufen, in der Oshii, zusammen mit dem Zeichner Kamui Fujihara, die ursprüngliche Idee zu einem richtigen Universum weiterentwickelt: Hier wird bereits die Nachkriegsjapan-Szenerie entwickelt, in der auch Jin-Roh spielt, und die Konstellation der verschiedenen konkurrierenden Polizeiorgane ausgearbeitet. Auch tauchen zum ersten Mal einige Charaktere auf, die im Anime ihren Auftritt haben. In Oshiis zweiter Realfilm-Regiearbeit Kerberos, der Film ist zugleich als Fortsetzung des Films von 1986 gedacht, spielt der Manga hinein, der wiederrum von 1999 bis 2000 wieder aufgegriffen und beendet wurde.
Nun hat der Regisseur von Ghost in the Shell jedoch das Thema, das ihn schon so lange beschäftigt hatte, nicht selbst als einen Anime umgesetzt, sondern aus der Hand gegeben [...]. Das Ergebnis, der Anime, sprengt alle Erwartungen. Zunächst hat man noch den Eindruck, dass Jin-Roh in Zeiten von Computeranimation durch die Zeichnung der Charaktere ganz ohne Schatten etwas altmodisch wirkt. [...] Doch je mehr Einblick in die Gefühlswelt der Hauptfigur gewährt wird, je mehr der Zuschauer dessen vorgegebenes Schicksla zu erkennen vermag, desto stärker wird man von der intensiven Story ergriffen. [...]
Aus „Der Weg des Wolfs“ von Gyo Araiwa, Animania 3/2001

Manga & Anime
Aus dem Presseheft von „Ghost in the Shell“, R E M
[...] Manga und anime sind allgegenwärtig im Alltag Japans. Wenn man zu einer Behörde geht, hilft einem ein Informations-manga durch den Bürokratenwust; Toaster, Armbanduhren, Mixer, Computer: die Bedienungsanleitungen kommen als manga; und geht man zu einer Bank, will Geld abheben, verbeugt sich ein freundliches anime-Schalterfräulein auf dem Bildschirm des Bankomaten und fragt den Kunden nach seinen Wünschen.
Statistisch ist Japan das einzige Land weltweit, wo am meisten Papier für Comics verbraucht wird – mehr noch als für Bücher und Klopapier. Ein durchschnittlichtypisches, wöchentlich erscheinendes manga-Magazin in schwarz/weiß ist etwa telefonbuchdick und enthält neue Episoden von Serien wie auch kurze Einzelgeschichten; die Serien werden später meist als Gesamtausgaben geschlossen noch einmal gedruckt, die Kurzgeschichten renommierter und beliebter Autoren erscheinen in Anthologien. [...]
Manga gibt es über alles, buchstäblich! Bekannt sind hier eigentlich nur einige wenige Science Fiction- und Action-manga – „Akira“ und „2001 Nights“ etwa, oder „Okami“, „Kamui“ und „Crying Freeman“, bestätigen sie doch ein gewisses Bild, das man hier von Japan hat. [...] Aber: Wer könnte sich vorstellen, dass es in Japan Mahjong-manga mit Millionenauflagen gibt, Angel-manga, mit denen man perfekt angeln lernen kann, Kochkurse als manga-Serien, Silver-manga speziell für Rentner, ganz zu schweigen von a-l-l-e-n möglichen Sex- und Porno-manga; Höhepunkte bei all dem ist sicher das Subsubgenre des Universitätsaufnahmeprüfungsvorbereitungszeit- manga!! [...]
Anime sind ebenfalls omnipräsent im japanische Alltagsleben. Sie laufen im Kino, im Fernsehen und auf Video. In Japan existiert ein riesiger Markt für OAV (Original Animation Videos): Filme und Serien, die es nur auf Videokassetten gibt. Man sollte nur nicht denken, dieser Kassettenmarkt wäre der Schuttabladeplatz der dortigen Filmkultur – ganz im Gegenteil, für diesen Markt produzieren fast alle kontemporären Kommerz-Autorenfilmer ihre Werke, sowohl im anime- wie auch im Realfilm-Bereich. Auch die Videokassetten haben ihren festen Platz im Alltag. Das geht soweit, dass man sich aus gewissen Automaten jede Woche den neuesten Softsex-anime ziehen kann.
Von einzelnen manga gibt es anime-Adaptionen quer durch die Märkte: zuerst ein OAV, dann einen großen Kinofilm, schließlich eine Fernsehserie – wobei da nicht einfach ein und derselbe Film auf drei unterschiedliche Arten verwertet wird (das auch), nein, das sind dann wirklich drei unterschiedliche Werke. Siehe etwa OSHIIS „Patlabor“-Welt: 1988-92 jährlich mehrere OAVs, 1989/90 eine TV-Serie sowie 1990 und 1993 jeweils ein Kinofilm.
Japaner leben buchstäblich in Bildern, haben eine sehr viel ausgeprägter visuelle moderne Kultur entwickelt. Man kann darüber spekulieren, ob das nicht schon in der Schrift angelegt ist, die man ja aich als einen sehr abstrakten manga sehen kann. [...]
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