Hainz
All About Lily Chou-Chou

Regie: Shunji Iwai
Cast: Hayato Ichihara, Shugo Oshinari, Ayumi Ito, Takao Osawa, Miwako Ichikawa, Izumi Inamori
Yû Aoi
Produktion: Japan, 2001
Info: IMDB OFDB Wikipedia

Inhalt:
Die Schulzeit ist in Japan, glaubt man Shunji IWAI, ein mythischer Zeitraum - gleichzeitig Trauma und nostalgischer Bezugspunkt, voll mit Gängelungen, Schulmädchenprostitution und tiefen Sehnsüchten. Yuichi versucht seiner Prügelknabenposition über die Internetfanseite von Popstar Lily Chou Chou zu entfliehen, dort kann er mit Gleichgesinnten über Lily's „Äther" schwärmen. Doch immer wieder reißen ihn die Erniedrigungen der Schulkameraden in die Realität zurück, die aus Freunden Unterdrücker macht und auch Yuichi zum Unverzeihlichen zwingt. Immer mehr wird Lily Chou Chou zum Symbol der dringend gebrauchten Erlösung - nicht nur für ihn.

Ein tolles Review aus dem AFW von kaz:
Shunji Iwai wurde hierzulande vor allem durch seinen Film "Swallowtail Butterfly" bekannt, auf internationaler Ebene erlangte unterdessen "All About Lily Chou-Chou" einen höheren Bekanntheitsgrad. Die Grundmotive beider Filme sind ähnlich, es geht um Musik, Poesie, Gewalt, Außenseitertum und vor allem um die Suche nach der eigenen Identität. "All About Lily Chou-Chou" beginnt mit einer überwältigenden Eröffnungsszene. Iwai zeigt seine Hauptfigur Yuichi in einem satten, grünen Reisfeld, allein mit seinem Discman, der Musik seiner Lieblingssängerin lauschend. Ein betörendes Bild, das wirkt, als käme es aus einer anderen Welt. In diese Szenerie montiert Iwai Textbotschaften aus dem Fan-Chatroom der Sängerin Lily Chou-Chou. Dieses Element behält er den ganzen Film über bei. Ein nicht unerheblicher Teil der Kommunikation des Films findet also in dieser Form statt. Neben Yuichi führt Iwai nach und nach ein Ensemble an weiteren Charakteren ein. Beispielsweise den Klassenbesten Hoshino, der durch ein einschneidendes Erlebnis zum Tyrannen mutiert. Oder die 14-jährige Shiori, die von Hoshino erpresst und zur Prostitution gezwungen wird. Iwai stellt hier die Schönheit seiner Bilder in Kontrast zu der psychischen und oft auf physischen Gewalt des Alltags der Schüler. Im Gegensatz zu "Swallowtail Butterfly", bei dem Iwai noch verschiedene Techniken verwendete, setzt er hier beinahe gänzlich auf Handkameras. Dadurch entsteht ein optisch höchst interessanter Stil, der aber auf die Dauer zuweilen auch ein wenig störend wirkt. Apropos Dauer, mit seinen 2 1/2 Stunden verlangt einem "All About Lily Chou-Chou" einiges an Geduld ab, zumal es Szenen gibt, in denen sprichwörtlich nichts passiert. Diese Szenen werden dann aber wieder von anderen abgelöst, die in kürzester Zeit die Handlung regelrecht zum kippen bringen. Seltsamerweise entsteht genau dadurch ein bestimmter Rhythmus in Iwais Komposition. Das Konzept hinter "All About Lily Chou-Chou" ist durchaus interessant. Shunji Iwai verfasste seine Geschichte zunächst als Roman, der allerdings nicht fertig gestellt wurde. Iwai stellte seinen Text auf der Webseite http://www.lily-holic.com zur Verfügung, wo er unter Mithilfe der User zu seiner Vollendung gebracht werden sollte. Das Projekt wurde abgebrochen, aber Iwai übernahm viele Elemente aus den dort geschilderten Erlebnissen in seinen Film, einige Messages wurden sogar 1:1 übernommen. Nach der Beendigung des Films wurde darüber hinaus eine Soundtrack CD veröffentlicht. Die Musik wurde von Takeshi Kobayashi komponiert und von der japanischen Sängerin Salyu interpretiert, die auch im Film, in einigen kurzen Szenen, Lily Chou-Chou verkörpert. Darüber hinaus entstanden Musikvideos, bei denen Shunji Iwai ebenfalls als Regisseur fungierte, wonach nachhaltig die Illusion entsteht, dass es sich bei der Filmfigur Lily Chou-Chou tatsächlich um eine reale Sängerin handelt. Die in erster Linie von Björk inspirierte, fiktive Sängerin, ist eine stark mystifizierte Figur. Ständig kreisen die Gespräche der Fans um den Äther, der von Lily durchdrungen werden soll und die Sängerin als Genie kennzeichnet. Natürlich ist das völlig aus der Luft gegriffen, doch der Glauben der Fans führt zu einer Art Realitätsverlust und dadurch zur Entstehung einer neuen Realität. Einen Film von Shunji Iwai sieht man nicht einfach, man erlebt ihn. "All About Lily Chou-Chou" bildet da keine Ausnahme. Shunji Iwai versteht es wie kein zweiter, den Betrachter ohne irgendwelche digitalen Effekte in eine andere Welt zu entführen. In "All About Lily Chou-Chou" lässt er es allerdings deutlich ruhiger angehen als in "Swallowtail Butterfly". Somit sind Freunde des schnellen Actionkinos mit dem Film natürlich denkbar schlecht beraten. Iwais Film über die Anonymität der Generation des digitalen Zeitalters, über das Spiel mit den Identitäten und dem Versuch der Selbstfindung ist ein inhaltlich und ästhetisch aussergewöhnliches Werk. Manchmal zwar etwas zu langatmig geraten und manchmal auch etwas konfus, setzt der Film zwar äusserte Konzentration voraus, aber wer sich auf die Reise durch den Äther einlässt, hat 2 1/2 Stunden beste japanische Filmkunst vor sich.

Mein Kommentar:
Im Review wurde schon alles wichtige erläutert, aber ich will noch meinen eigenen Kommentar hinzufügen.
"All About Lily Chou-Chou" von Shunji Iwai ist eines der faszinierensten und visuell schönsten Filme, den ich seit langem gesehen habe. Es gibt wunderschöne Bilder, die so in der Art noch nicht in einem Film zu sehen waren. Eine Edeloptik! Shunji Iwai erzählt den Film sehr langsam und leise mit einem hohen Maß an Bildsprache. Die Cinematrografie ist wieder absolut Top Notch. Erstklassige Kamera- und Schnittarbeit und visuelle Spielereien z.B. die Chatnachrichten zwischendurch oder einige Szenen wurden mit einer stinknormalen Digicam gefilmt. Die Musik passt wie die Faust aufs Auge und hört sich auch sehr gut an, obwohl ich kein Fan von japanischer Musik bin.
Man muss viel Geduld mitbringen, um überhaupt mit dem Film etwas anfangen zu können, denn er ist oft nicht leicht anzuschauen, weil er eben so langsam und so fremd wirkt. Auch muss man das Geschehen mit viel Konzentration mitverfolgen, denn er ist nicht immer leicht zugänglich.
Von all seinen Filmen gefällt mir "All About Lily Chou-Chou" am besten, weil mich das Thema Jugendliche sehr interessiert. Filme wie "Love Letter" und "Hana und Alice" liebe ich auch, aber dieser Film hat mich am meisten beeindruckt und ist vor allem unglaublich stylish.
Wer ein Fan von langsamen und ruhigen Filmen ist, dem kann ich "All About Lily Chou-Chou" nur wärmstens ans Herz legen. Ein faszinierendes Filmerlebnis!

