Hainz
YI YI
Regie: Edward Yang
Cast:
Nien-Jen Wu, Elaine Jin, Issei Ogata, Kelly Lee, Jonathan Chang, Hsi-Sheng Chen, Su-Yun Ko, Shu-shen Hsiao, Adriene Lin, Pang Chang Yu, Ru-Yun Tang, Shu-Yuan Hsu, Hsin-Yi Tseng, Yiwen Chen, Tang Congsheng, Yue-Lin Ko
Produktion: Taiwan, Japan 2000
Info: IMDB OFDB Wikipedia Moviemaze
Inhalt:
NJ Jian, seine Frau Min-Min und ihre zwei Kinder sind eine typische Familie der taiwanischen Mittelklasse. Ihr Apartment in Taipei teilen sie mit Min-Mins betagter Mutter. Als Mittvierziger ist NJ Partner einer Computer-Hardware-Firma, die zwar im letzten Jahr einen Riesenprofit gemacht hat, die aber bald bankrott gehen wird, wenn niemand das Steuer herumreisst. NJ ist Partner eines japanischen Games-Software-Designers. Als Min-Mins Bruder A-Di heiratet, beginnen schlechte Zeiten für die Jians. Am selben Tag erleidet die Mutter einen Schlaganfall. Obendrein trifft sich NJ mit Sherry, seiner ersten Jugendliebe. In den Wochen darauf geht es im Hause Jian drunter und drüber...

Kritik von Jumpcut:
Man möchte, wenn man diesen Film gesehen hat, nur erzählen. Davon, wie Yang-Yang am Ende seiner toten Großmutter erklärt, warum er sich geweigert hat, mit ihr zu sprechen, als sie im Koma lag. Davon, wie NJ und Herr Ota sich über die Musik so nahe kommen, wie sich Männer, in Filmen wie im Leben, selten nahe kommen. Wie Ting-Tings Naivität sich als Entschlossenheit erweist, als eigene Form von Klugheit, als oft genug vergeblicher, aber gerechtfertigter Versuch, den Menschen abzutrotzen, was sie nicht zu geben bereit sind. Von Ah-Dis maßloser Tölpelhaftigkeit, die ihn selbst, auch wenn er es nicht reflektieren kann, so sehr quält, dass er beinahe zur tragischen Figur wird. Vom rätselhaften, aber gerade in dieser Rätselhaftigkeit plausiblen Verhalten Chun-Yuns, die mal intrigant und trickreich, dann grenzenlos treu und solidarisch erscheint.

Diese und noch viele weitere Geschichten erzählt Edward Yang in Yi-Yi, jede einzelne von ihnen ist lebensklüger als - das ist das Beispiel, das nahe liegt - Paul Thomas Andersons ganzer Film Magnolia. Nahtlos fügt Yang einen Strang nicht an, sondern in den anderen, lässt die eine Geschichte die andere kommentieren, spiegeln, wiederholen, variieren, ohne dass man jemals den Eindruck bekommt, es gehe hier um Illustration von Thesen, um Beispielhaftigkeit, um Lehren, die zu ziehen wären. Irgendwann erklärt Fatty, der sie später schmählich betrügen wird, Ting-Ting, was das Großartige am Kino ist (er hat das von seinem Großvater): dass das Leben dadurch dreimal so lang wird, weil man dreimal so viel sieht wie die Leute, die nicht ins Kino gehen. Man darf annehmen, dass Edward Yang dieser Ansicht zustimmt. Jedenfalls ist Yi-Yi nicht weniger als die triumphale Erfüllung der Hoffnung, dass man alle Naivitäten realistischen Erzählens meiden und dennoch - eigentlich: nur so - mitten ins Leben hineingreifen kann. Natürlich ist das eine Frage der Technik.

Der Erzähltechnik, genauer gesagt, und dabei insbesondere der Fähigkeit, Balancen zu halten, Motivationen anzudeuten, aber nicht zu erklären, eines Augenmerks fürs scheinbar Nebensächliche, fürs Widersprüchliche auch, fürs Nicht-Aufgehende. Yi-Yi übt, das ist vielleicht das Schönste an dem Film, die Tugend der Zurückhaltung: in aller Regel filmt er seine Figuren aus gehöriger Distanz. In Momenten großer Bewegtheit entfernt sich sich die Kamera, statt sich brutal anzunähern (die einzige wirkliche Großaufnahme eines Gesichts gibt es gegen Ende - und da ist es der vom Bildschirm abgefilmte Blick einer Fernsehkamera. Darin liegt, in nuce, das ästhetische Programm des Films). Immer wieder legt Yang Fensterscheiben zwischen die Figuren und den Blick des Betrachters, Fensterscheiben, in denen sich Lichter spiegeln, die Lichter von Taipeh, der Großstadt, in die seine Personen oftmals eingetragen werden wie in ein Landschaftsbild, in dem sie nicht wichtig sind. Sie rücken dann wieder ins Zentrum - und sie sind gerade dann im Zentrum, wenn die Kamera das Gegenteil zu behaupten scheint. In einer recht langen statischen Einstellung sieht man Ting-Ting nur von ferne auf einer Polizeistation, durch eine Tür links hinten im Bild. Im Vordergrund sieht man die Tische des Büros, rechts im Bild ein Polizist an seinem Schreibtisch, der gar nicht wahrnimmt, was sich in seinem Rücken abspielt. Realismus ist auch eine Frage der Bildkomposition, gerade dann, wenn sie sich gegen das sperrt, was einem von Hollywood-Konventionen als natürlicher Blick eingetrichtert wird.

Kritik von cineman.ch
Kinogänger, die Hollywood-Stars, Action, Sex und Crime wollen, werden «Yi Yi» langweilig finden. Liebhaber von komplexen Geschichten und feinen Details werden von Eduard Yangs Familiendrama begeistert sein. Der in Shanghai geboren Yang lebt seit 1981 in Taiwan, wo er seine Karriere als Filmemacher begann. Gemeinsam mit Hou Hsiao-Hsien gehört er zu den Gründern der sogennanten taiwanischen Nouvelle Vague(dt. Neue Welle). Tsai Ming-Liang ist auch ein Vertreter dieses Stils. Mit Filmen wie «Taipei Story» (1985), für den er in Locarno den Fipresci-Preis erhielt, oder «Mahjong» wurde er in Europa berühmt. Seine Werke bestechen durch eine wunderbare Komposition der Bilder und eine akustische Ebene, die den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen vermag.
Kommentar: Edward Yangs Yi Yi ist einer der ganz großen Meisterstücke des taiwanischen bzw. asiatischen Films. Ein Film, der mit seinen über 170 Minuten niemals langweilig wird, ist schon eine beachtliche Leistung. Edward Yang schafft es, den Film so kurzweilig wie möglich zu inszenieren und dies macht er am besten mit viel Abwechslung und einem Fest voller grandioser Bilder. Mal sehen wir den kleinen Yang Yang, der in der Schule von seinen Kameraden bzw. seinem Erziehungslehrer gehänselt wird oder auch beim Schießen seiner ungewöhnlichen Fotos. Dann gibt es die Liebesgeschichte zwischen dem Vater NJ und seiner früheren ersten Jugendliebe, die sehr intensiv ist oder die Beziehung der Tochter Ting Ting und dem ehemaligen Freund ihrer Freundin Fatty. Als ob das nicht genug abwechslungsreich ist, dürfen wir den Vater NJ zu seiner Geschäftsreise nach Japan begleiten wo auch seine Jugendliebe vor Ort ist. Der japanische Schauspieler Issei Ogata spielt mehr als klasse für seine geringe Screentime, einfach klasse wieviel Charisma dieser Mann hat. Auch der Hauptdarsteller, Nien-Jen Wu, der den Vater spielt, ist in seiner Rolle fantastisch. Oft hat er ja nur die Drehbücher für den großen Hou Hsiao-Hsien geschrieben und hat auch einige Rollen gespielt, aber diese waren nur kleine Nebenrollen. Aber nicht nur er, eigentlich alle Darsteller, die in "Yi Yi" mitwirken, sogar der kleine Jonathan Chang, der hier schon fast alle an die Wand spielt.
Der Film ist dialoglastig, aber nie langweilig, denn diese Gespräche sind immer sehr interessant und auch emotional. Zudem kombiniert Yang diese Konversationen mit wunderschönen Bildern, die auf dem Fernseher einfach großartig aussehen.
"Yi Yi" ist ein wunderbarer Familienfilm, der wirklich fabelhaft gefilmt wurde. Hier habe ich nichts zu bemängeln. Top Schauspieler, tolle Cinematography(statische Kamera, filmen aus der Distanz), fein ausgearbeitetes Drehbuch und ein schöner Score machen diesen kleinen aber feinen Film, einzigartig.
Ich freue mich auf mehr solcher Filme aus Taiwan...
Meine Wertung: Der Film ragt über das 10er Wertungssystem hinaus.
Eines der besten asiatischen Filme, die es gibt. Filmliebhaber sollten dieses Juwel nicht entgehen lassen.
Leider ist das der einzige Film von Yang, der eine (sehr gute Criterion) DVD Veröffentlichung bekommen hat.
Trivia:
# Chosen by "Les Cahiers du cinéma" (France) as one of the ten best pictures of 2000 (#7, tied with The Virgin Suicides (1999)).
# Chosen by British film magazine "Sight and Sound" in 2002 as one of the ten greatest films of the past 25 years.
# Issei Ogata's English dialog was re-written and even improvised during the shooting by Ogata himself. Yang wanted to have his Japanese character speaking realistically, not in the stereotypical manner Japanese characters in English-speaking films often do.

