Achtung bitte, die Kritik entählt sicher den ein oder anderen Spoiler, da ich sie im Word geschrieben habe wars mir aber zu mühsam die alle zu kennzeichnen!
Auweh Flo, was hast du mir da bloß angetan. Deinetwegen musste ich mich, nachdem du meine Gedanken und mittlerweile eher spärlichen Erinnerungen an den Film aus den unscharfen Tiefen meines Gedächtnisses an die Oberfläche, mitten in mein Bewusstsein, gerufen hast, trotz Gipsfuß 33 Stufen ins Wohnzimmer runterhangeln und den Film (wäre da unten nicht vor kurzem umgeräumt worden, er hätte sicher ordentlich Staub angesetzt) aus dem Regal holen (von den qualvollen 33 Stufen hinauf auf einem Bein schweige ich lieber).
Aber eigentlich muss ich dir danken, lieber Flo. Denn wie ich schon in meinem
Versuch einer provisorischen Kritik gesagt habe: Ich habe diesen Film wirklich lang, lange Zeit nicht gesehen, obwohl ich immer wieder kurz daran gedacht habe und ihn eigentlich immer in Griffweite hatte. Danke dir und deinem Thread und der Notwendigkeit, in diesen einige Zeilen zu schreiben, habe ich mich endlich aufgerafft und ihn angesehen, denn dieser Film verdient einen
Versuch einer richtigen Kritik Tatsache ist: Während ich das hier schreibe sehe ich ihn mir gerade noch mal an. Der Film hat also auch in seiner zweiten Blüteperiode bei mir den gleichen Effekt: Mehrmaliges Ansehen hintereinander ist nicht nur NICHT ermüdend, sondern, im Gegenteil, erwünscht.
Aber jetzt mal alles der Reihe nach.
Zum einer Schande muss ich gestehen: Der Name Milos Forman war mir bis vor drei Tagen nicht geläufig. Das ist gleich aus drei Gründen bitter.
1. Ist das hier ein Filmforum und diese Unkenntnis beweist einmal mehr dass ich nicht gerade das bin, was man im Allgemeinen einen Filmexperten nennt.
2. Ich habe Einer flog über das Kuckucksnest bei mir im Regal stehen und halte ihn, wie könnte es auch anders sein, für einen genialen Film.
3. Bekräftigt sich nach dieser Erkenntnis immer mehr der Eindruck, dass dieser Mann wohl noch mehr als „nur“ diese zwei Meisterwerke gemacht hat. Wenn ich das doch früher gewusst hätte, ich könnte mich jetzt ein wenig mehr „Filmexperte“ nennen.
Na egal, wieder einen kleinen Schritt auf dem langen, steinigen Weg zum Olymp der wahren Filmkenner zurückgelegt.
Dieser Milos Forman jedenfalls hat seine zwei Oscars für die beste Regie völlig zu Recht gewonnen. Was die Erschaffung von Atmosphäre betrifft macht ihm wirklich kaum jemand etwas vor. Und die Atmosphäre ist eine der ganz großen Stärken von Amadeus.
Dabei hilft ihm natürlich auch die Tatsache, dass er mit Prag und Wien die best möglichen Drehorte ausgesucht hat (wobei natürlich Wien als Drehort auf der Hand lag, Prag für den Tschechen Milos eigentlich auch). Der Zauber dieser beiden wunderschönen Städte fängt einen schon in den ersten Minuten, als der schwer verletzte Salieri durch die Straßen der Wiener Altstadt in Richtung Sanatorium gekarrt wird, während gleichzeitig ein einem toll geschmückten Saal ein Ball stattfindet. Er lässt einen den ganzen Film über nicht mehr los, dafür bietet der Film einfach viel zu viel für das Auge: Opulente Saale, rauschende Feste, die herrliche Wiener Staatsoper, die Kostüme und die Opern selbst.
Vor allem zwei dieser Punkte verdienen besonderer Erwähnung:
Zum einen die fantastischen Kostüme, die Theodor Pistek für den Film gebastelt hat. Auch er hat seinen Oscar mehr als verdient, Mozart, Salieri und Constanze waren einfach perfekt gekleidet. Ihre Darsteller hätten sich vor ihren Figuren sicher nicht schämen müssen.
Zum anderen die Opern! Wieso können Opern nicht immer so aussehen? Gerade heutzutage, wo man doch alle technischen Möglichkeiten hat, werden einem moderne Operninszenierungen vorgesetzt dass einem das Grausen kommt (zumindest mir). Wieso fliegen heute keine schwarzen Todgestalten durch die Luft, wieso bricht heute kein Feuer auf der Bühne auf, wenn Don Giovanni sein Schicksal ereilt, wieso muss man sich heute mit lieblos gestalteten Bühnenbildern abgeben, die nicht einmal Kleinkinder heutzutage beeindruck. Mag sein, dass man früher nicht solche Feuerwerke auf die Bühne gezaubert hat wie im Film dargestellt, aber ich bin mir sicher, dass man heutzutage VIELE Opernaufführungen hat, über die man früher nur gelacht hätte. Meine Meinung nach sollte sich JEDER, der Opern für langweilig hält, diesen Film ansehen um zu sehen: So kann so was aussehen, wenn man sich Mühe gibt. Aber man will ja heutzutage kein Geld ausgeben, wo man doch auch genauso gut ins Kino gehen kann… naja, ich bin ja nicht besser, aber irgendwie ist es schon schade.
Was auch maßgeblich zur tollen Atmosphäre beiträgt ist der, wenn man es so nennen will, Soundtrack. Eigentlich ist es ja hauptsächlich eine Auswahl von Mozartwerken, aber Forman setzt sie wirklich genial ein. Eine meiner Lieblingsstellen ist zum Beispiel, als Mozart zur, wenn ich da richtig liege, Ouvertüre der Zauberflöte durch die Wohnung tanzt, bis die Musik, als er die Türe öffnet und in die Maske von Salieri starrt, urplötzlich umschlägt. Es ist zwar schade, dass man jetzt nicht wie sonst einen Howard Shore oder Elfman loben kann für die tolle Arbeit, die sie für einen Film geleistet haben, aber: Kann man sich denn einen besseren Filmkomponisten als Mozart wünschen? Eine Kritik an der Musik erübrigt sich dadurch jedenfalls und der Oscar für die Beste Tonmischung war wohl nur Formsache. ;-)
Die Oscars scheinen bisher also alle am rechten Fleck. Auch der für den besten Hauptdarsteller? Ich kann mich noch erinnern wie ich mich damals, als ich den Film das erste Mal sah, gefragt habe, warum denn der Darsteller des sympathischen, lustigen Mozart keinen Oscar bekommen hat, der des intriganten, unsympathischen Salieri aber schon. Erst jetzt ist mir aufgefallen, wie phänomenal F. Murray Abraham seine Rolle spielt. Eigentlich sind es ja gleich vier Rollen die er spielen muss:
- Die des alten, vom Wahnsinn umfächelte Salieri, der in der Irrenanstalt dahinvegetiert und bei einem Pfarrer seine Art der „Beichte“ ablegt
- Die des jüngeren Salieri, der wo er nur kann gegen Mozart intrigiert.
- Die des Erzählers, der teilweise auftritt als wäre es ein Interview.
- Die des Kommentators.
Vor allem die Rolle des Kommentators gefällt mir sehr gut, wenn er schwelgend aber gleichzeitig zerfressen von Eifersucht die Opern und die Musik von Mozart begleitet und erklärt, was diese Noten für ihn und für den Rest der Welt bedeuten. Diese Szenen, in denen er so verträumt Analyse betreibt, während sich im Hintergrund die Musik aufbaut („und dann, hoch darüber, eine Oboe…“), könnte ich mir wohl dutzende Male hintereinander ansehen, sie würden mich immer noch zum Lächeln bringen. Sie sind wohl auch einer der Gründe, warum ich, wann immer der Abspann von Amadeus über den Bildschirm flimmert, am liebsten noch einmal auf Play drücken würde.
Diese Szenen würden aber nicht halb so gut funktionieren, wäre die Synchronisation nicht eine der besten, die ich je gesehen, beziehungsweise gehört, habe. Einige der militanten Verfechter des O-Tons werden mich jetzt vielleicht belächeln, aber ich glaube, das ist so ein Film, der in einer anderen Sprache als der Muttersprache der „Protagonisten“ einfach nicht ganz so gut ist. Im englischen gibt es diesen herrlichen, dezenten wienerischen Akzent des Kaisers ebenso wenig wie den ausgeprägten Dialekt der Magd, die Salieri ins Haus der Mozarts schmuggelt. Ich habe heute trotzdem die englische Tonspur gewählt. Sie tut dem Film natürlich keinen Abbruch, ist auf ihre Weise auch sehr gelungen (vor allem das immer wieder auftauchende Italienisch), aber einige Sachen brachten mich immer wieder zum Schmunzeln, vor allem wenn vom Hörrn Kapällmeistär“, von Hörr Mozrt, Wulfgäng oder Wulfi die Rede war.
Noch ein paar Worte zu den Schauspielern: Auch wenn Abraham den Oscar noch mehr verdient hat als sein Gegenüber, Hulce wäre ein genauso legitimer Oscargewinner gewesen. Beide spielen ihre Rollen perfekt. Wobei auch an den Rollen aller anderen Schauspieler, vom Nebendarsteller bis zum Komparsen, so gut wie nichts zu deuteln gibt. Darum lass ich’s auch.
Was bleibt also, wenn man wirkliche Kritik an Amadeus üben will? Dass „Die Zauberflöte“ und „Die Entführung aus dem Serail“ im Film englisch gesungen werden hat mich zwar gestört, aber ein richtiger, großer Kritikpunkt ist das ja nicht.
Es bleibt wohl nur noch die, bei Filmen mit historischem Kern, obligatorische historische Ungenauigkeit. Und tatsächlich, würde man es darauf anlegen, man könnte den Film über Seiten hinweg deshalb in der Luft zerreißen. Mozart war gar nicht so viel jünger als Salieri, Mozart war in Wahrheit gar kein infantiler Bengel, der außer Unsinn und Alkohol nichts im Kopf hat, wenn er nicht gerade Musik macht, sondern ein hoch gebildeter Mann, sprach mehrere Sprachen, philosophierte in seinen Briefen über allerhand wichtige Themen und hatte sicher nichts gegen Späße und war auch sicher etwas exzentrisch. Salieri war auch kein Intriganter Neider, der Mozart verachtet hat und alles unternommen hat, damit ihm der Erfolg verwehrt bleibt… diese Liste könnte man noch lange fortführen. In meinen Augen ist das aber ein Unterfangen, das einfach unsinnig ist. Es ist doch recht unwahrscheinlich, dass es Formans Intention war, eine Biographie zu machen. Hätte er das gewollt hätte er sich sicher mehr an Fakten gehalten, für einen Meister wie ihn wäre es wohl keine große Kunst gewesen, auch ohne Abänderungen der Tatsachen einen tollen Film zu machen. Stattdessen baute er um die eher groben Vorgaben eine Handlung, die auch ohne Mozart, Wien und Salieri funktioniert hätte, mit Mozart, Wien und Salieri aber genial harmoniert. Dazu diese sehr ungewöhnliche Erzählstruktur, die nicht um den eigentlichen Protagonisten Mozart, sondern um dessen Gegenspieler Salieri aufgebaut ist.
Und so bleibt wirklich nur ein einziger, kleiner Kritikpunkt:
Dieses Lachen! Dieses schrille, penetrante Lachen von Mozart. Das ist zwar sicher so gewollt, aber mir stehen dabei immer sämtliche Haare zu Berge.
Fazit: Forman kleidet den Kampf des ordentlichen, strengen und gottesfürchtigen Menschen Salieri gegen das berauschte, lustvolle und wirklich gottgesegnete Genie Mozart, an dessen Ende der Sieger zwar rufen konnte „Gott(es Kind) ist tot und ICH, nur ICH bin sein Mörder“, aber letztendlich doch angesichts der eigentlichen Niederlage verzweifelt, in ein phantastisches Kleid aus Musik (nicht irgendeiner, wir reden hier immerhin vom wohl größten Musikgenie aller Zeiten), farbenprächtigen Kostümen und Kulissen und einer ungewöhnlichen, aber genialen Erzählstruktur. Dazu kommen noch drei Hauptdarsteller, die absolut perfekt miteinander harmonieren. F. Murray Abraham, Tom Hulce und
die Musik von Mozart. Ich bin jetzt endlich soweit zu sagen: Amadeus ist einer der besten Filme aller Zeiten!
Schäm dich Flo, wegen dir muss ich wahrscheinlich bald noch einmal 33 lange Stufen hinunterstolpern und noch längere 33 Stufen wieder hinaufhumpeln, um mir unsere DVD der Zauberflöte zu holen. Aber wahrscheinlich, ach was, ganz sicher ist es die Sache am Ende wieder wert.
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Uff... tja, ist diesmal etwas länger geworden, aber der Film hatte einfach mehr verdient als die paar Sätze, die ich vorher dazu geschrieben habe.
Mittlerweile ist der Film auch wieder aus... auf ARD läuft zwar gerade
Einer flog über das Kuckucksnest, aber der läuft schon ne ganze Weile... ich werd wohl die DVD einlegen.