Amadeus

Data
Amadeus




Crew:

Regisseur: Milos Forman
Drehbuch: Peter Schaffer
Produzent: Michael Hausman, Bertil Ohlsson, Saul Zaentz
Kamera: Miroslav Ondrícek

Cast:

• F. Murray Abraham -- Antionio Salieri
• Tom Hulce -- Wolfgang Amadeus Mozart
• Elizabeth Berridge -- Constanza Mozart
• Jeffrey Jones -- Kaiser Joseph II
• Charles Kay -- Graf Orsini-Rosenberg

Story:

Nach einem Selbstmordversuch wird der Komponist Antonio Salieri in die Irrenanstalt eingeliefert. Er behauptet unter Schreien, den berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart ermordert zu haben. Ein Priester wird daraufhin zu ihm geschickt, der ihm die Beichte abnehmen soll. Doch bereuen tut Salieri offenbar gar nichts. Stattdessen erzählt er die Geschichte von Mozart - eine Geschichte von Eifersucht, Hass, Intrigen und Tod ...

Kritik:

Achtung: Mögliche Spoiler - beim Lesen bitte aufpassen!!


Mit 8 Academy Awards ausgezeichnet (darunter für den besten Film, den besten Regisseur Milos Forman und den besten Hauptdarsteller F. Murray Abraham, der in derselben Verleihung den "Kontrahenten" Tom Hulce ausstach) gilt "Amadeus" als einer der erfolgreichsten und wichtigsten Biographie/Historienfilme der Filmgeschichte. Und das zu recht: Mit einer überwältigenden, bildgewaltigen Inszenierung, selbstverliebten und detaillreichen Kostümen und Kulissen und einem grandiosen F. Murray Abraham, der leider nach diesem Film nie wieder an seinen früheren Erfolg anschließen konnte, ist "Amadeus" ganz großes Charakterkino. Anders als bei anderen Biographien nämlich setzt der Film an einem völlig anderen Plot an, als der Geburt, dem Leben und Sterben des Helden, sondern erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel des Bösewichts und dessen Hass auf das Talent und den Erfolg des Gegners, der "Kreatur", wie er ihn nennt. Und hier ist der Knackpunkt der Geschichte: Einerseits hasst Salieri den begabten und begnadeten Mozart und wünscht ihm nichts als den Tod, andererseits verehrt er und bewundert er seine Werke, seine Musik und Opern auf leidenschaftliche Weise - Mozart jedoch bleibt bis zum Schluss im Glauben, in Salieri seinen einzig wahren Freund gefunden zu haben, ohne zu erahnen, dass dieser bereits dessen Begräbnis plant.

Milos Forman nahm es mit der historischen Korrektheit nicht so genau, wie viele Mozart-Freunde es sich wohl gewünscht hätten. Der dramaturgischen Dichte des Werks tut dies aber m. M. n. keinen Abbruch. Der psychische Zerfall der Hauptfigur wird von Hulce klasse dargestellt. Das Kontrahentenspiel der beiden Charaktere wirkt auf erschreckende Weise immer echt und bedrohlich. Bis zum erbitterten Finale fiebert man in dem 'einseitigen Duell' mit, durch die Höhen und Tiefen der Karriere des wohl wichtigsten Komponisten aller Zeiten, immer mit der Vorahnung/dem Wissen im Hinterkopf, dass das ganze kein Happy End nehmen wird.
Dass der gesamte Film keine eigene Musikkomposition hat, ist verschmerzlich, weil Forman es sich nicht nehmen ließ, klassische Stücke zur Untermalung des Geschehens zu verwenden.

Alles in allem ein Film, der sicherlich nicht jedermans Geschmack treffen wird. Dazu ist die Inszenierung zu eigenwillig, die Umsetzung zu frei von den wirklichen Ereignissen. Mich aber hat der Film gefesselt von der ersten bis zur letzten Minute - eine hochinteressante, klasse inszenierte und hervorragend gespielte Studie über die menschliche Psyche. Ein Film, über Eifersucht auf Menschen, die besser sind und die Gier, die einen zu einer stillen, erbitterten, Rache treiben kann ... wozu der Mensch in seiner Wut imstande ist, hat wohl jeder selbst in der einen oder anderen Form schon mitbekommen. Umso glaubwürdiger wirkt dieser Film daher.

Daher sollte man "Amadeus", denke ich, schon mal gesehen haben. Mir jedenfalls hat der sehr, sehr gut Film gefallen, trotz Überlänge und dank einer klasse Inszenierung und zwei super Hauptdarstellern. smile
dr.Gonzo
Schockschwerenot!
Also man kann sich ja streiten über die Qualität von Filmen und deren Bedeutung, aber dass es zu einem Film, der (völlig zu Recht) 8 Oscars (!) ausgezeichnet wurde, bis heute keinen Thread gab, das wundert mich schon.

Na gut, der Oscar selbst ist jetzt kein Indikator für die Qualität eines Films (am ehesten noch der für den "Besten Film"), aber ich finde, von allen Massenoscarträgern ist Amadeus einer der besten Filme, und ich bin mir sicher, dass ich nicht als einziger so denke. Weshalb es mich noch mehr wundert, dass sich bishbis auf den fleißigen Film keiner des Films erbarmt hat.
Aber Schwamm drüber, das Manko wurde ja behoben. Gute Arbeit


Es gefällt mir sehr gut, die ganze Geschichte als Beichte des gescheiterten, wahnsinnig gewordenen Salieris und nicht als schnöde Aneinanderreihung der verschiedenen Lebensstationen Mozarts aufzuziehen. Milos Forman erlaubt sich dabei keine Blöße, hält die Spannung von der ersten Minute an aufrecht (überhaupt gefällt mir der turbulente Start mit dem blutüberströmten Salieri sehr gut).
Abgesehen von der Erzählperspektive sind aber noch andere Sachen eigenwillig und einzigartig. Angefangen bei den großartigen Kulissen (das alte Wien erwacht wirklich zu neuem Leben) bis hin zu den Charakteren und den Verhältnissen in der Schicht, in der sich Mozart und Salieri bewegten.
Über die Charaktere von Salieri und Mozart kann man sich nun streiten. Als fanatischer Mozartkenner und Feind der freien Umsetzung eines geschichtlichen Stoffes wird man ganz sicher nicht glücklich. Dazu sind einige Fakten einfach zu stark abgeändert worden (vor allem der plötzlich so große Alterunterschied zwischen Mozart und Salieri). Ich persönlich hatte das Glück, von Salieri und seinem Lebenslauf vor dem Film keine Ahnung zu haben (außer dem, was ich von meiner Kassette "Klassik für Kids" kannte Augenzwinkern ), da fallen diese Fehler natürlich nicht auf. Und genau so muss man an den Film herangehen: Als würde man keine Ahnung von den beiden haben, als wäre das alles dem Kopf von Forman entsprungen und lediglich die Namen und das Umfeld wäre vorgegeben gewesen. Dann kann man auch das unmögliche, nervige Lachen von Mozart (das hat mich teilweise wirklich aufgeregt) und die Art und Weise wie er präsentiert wird, übergehen.

Es ist leider wirklich furchtbar lange her dass ich den Film gesehen habe, deshalb will ich an dieser Stelle garnicht weiter Sachen aus meiner Erinnerung rausklamüsern und Unsinn reden. Nur ein kleines Fazit noch:
Als Lehrfilm über das Leben von Mozart und Salieri ist Amadeus sicher nicht geeignet, dazu ist er einfach zu ungenau und ZU eigenwillig. Aber als eigenständiger Film ist er aller erste Sahne. Schauspieler, Kulissen, Kostüme, Regie... viel zu verbessern gibts nicht. 8 Oscars und keiner unverdient.
Data
Danke für deine tolle Kritik, Munz. Knuddel

Stimme dir im großen und ganzen überein: Als Geschichtslektüre darf der Film nicht genutzt werden. Auch Freunde der historischen Korrektheit sollten an den Film locker rangehen ... denn von akurrater Übertragung kann und darf hier nicht die Rede sein. Wenn man den Film aber als das nimmt, was er ist (nämlich ein großartiges Charakerdrama über Hass und Eifersucht und die Taten, zu denen der Mensch fähig ist, wenn er diesen Emotionen ausgesetzt ist), dann bekommt man Kino vom feinsten. Das ist ein Film, der packt und berührt und das nicht nur wegen der schon so oft erwähnten großartigen Regie und nicht nur wegen der selbstredend einwandfreien Schauspieler - sondern vor allem, weil alles so echt und so menschlich wirkt. "Amadeus" zeichnet diese filmischen Tugenden aus und mehr noch: Er hat das Genre der Biographieverfilmung auf eine neue und einzigartige Weise in der Erzähltechnik revolutioniert (kann man den Film dafür schon wegweisend nennen? Ich denke, ja ...).

Schade, dass "Amadeus" hier im Forum nicht so anzukommen scheint bzw. bekannt zu sein scheint. unglücklich
newkid
super film! alle achtung gefällt mir sehr, müsste mich schwer irren wenn ich ihn nicht unter den TOP50 bei der movie fans aktion von kinski mitaufgenommen hätte ( wahrscheinlich als einziger )

habe selber die lim. box edition, geiles teil, geiler film! unbedignt ansehen

10/10 totenmessen
-=Zodiac=-
Wegen den geschichtlichen Änderungen:

Bei welchem Film ist das nicht so? Es ist leider nun mal unumgänglich die korrekten Fakten für einen Film entsprechend umzudrehen. Selbst die größten der großen Regisseure tuen das z.B.:

Spielberg (siehe Schindler's Liste)
Scorsese (siehe Goodfellas)

Das dieser Film hier auf MI nicht so gut ankommt? Naja, der Thread ist noch recht jung Augenzwinkern

Ich persönlich weiß noch, dass ich rein gar nichts gefunden hatte, was ich bemängeln konnte, zumindest beim Director's Cut, aber ich warte immer noch auf eine Neuauflage der DVD damit ich ihn endlich auch auf DVD habe was mich gleich zu der Frage stellt:

Zitat:
habe selber die lim. box edition, geiles teil...


Von der hab ich ja noch gar nichts gehört und bei Amazon auch nichts gefunden...
alpa
den hab ich in der 7ten klasse in der schule gesehn, im musikunterricht. wird zeit dass ich mir den nochmal anschau, schon damals hatte er mir sehr gefallen Ugly-Grübel
newkid
Zitat:
Original von -=Zodiac=-


Zitat:
habe selber die lim. box edition, geiles teil...


Von der hab ich ja noch gar nichts gehört und bei Amazon auch nichts gefunden...


sorry, ist keine lim. sondern ne collectors edition, aber ne schöne mit musik cd

bei amazon.uk bekam man auch ein postergutschein mit

dies ist die box

link
Milan
Ich habe den Film vor einiger Zeit schon mal gesehen, gefiel mir sehr gut, Miloš Forman ist sowieso fast immer klasse, die Schauspieler gefielen mir und die Oscars sind verdient. Die DVD besitze ich leider noch nicht, aber an der CE haette ich schon Interesse, ist auch ein sehr guter Film.
Data
@Zodicac, Milan:

Die Collector's Edition war m. W. n. schon limitiert ... allerdings kann ich hier keine 100%ige Garantie geben. Fakt ist halt, dass sie so ziemlich überall ausverkauft ist und man wahrscheinlich nur noch über Amazon.de-Marketplace oder eBay an das Sammlerstück rankommt ...

Ich geb mich mir der stinknormalen Amaray zufrieden. Die hat 7, 99 € gekostet und ist exakt so ausgestattet, wie die Sammlerbox, nur ohne extra CD und Booklet.

@Historische Korrektheit:

Hast natürlich schon Recht, Zodiac, dass viele Regisseure tatsächliche Fakten umändern, um die Dramaturgie eines Films hoch zu halten (die Beispiele sind zahllos, mit Spielbergs "Schindler's List" hast du aber schon ein ziemlich gutes Beispiel gegeben). Fakt ist aber auch, dass die Abänderungen der Fakten bei "Amadeus" wesentlich höher sind, als bei vielen anderen Filmen. So existierte bereits der Ausgangsplot des Films (Salieris Hass auf Mozart) so nie wirklich in der Realität. Das war lediglich Mozarts eigener Glaube, weil (und hier kommt der nächste Punkt) Salieri bei den Kaisern (die damals ja den Erfolg oder den Flop eines Stücks bestimmten) wesentlich beliebter und daher erfolgreicher war. Es gibt noch viele, viele weitere Beispiele (will hier nur nicht als wikipedia-nerd dastehen ... hab mein Wissen über über das Thema auch nur aus dem Internet), die "Amadeus" eben zu einem Extrembeispiel der historischen Abänderungen für einen Film werden lassen.
kane
puh, gesehen hab ich den auch mal - vor seeehr langer zeit, daher fühl ich mich immer etwas unwohl, mich trotzdem zu diesen filmen zu äußern.

hab ihn als überaus gelungen in erinnerung (und die größte erinnerung: mozarts wahnsinnslache Totlachen die war so blöd, dass sie schon wieder zum mitlachen lustig war).
zu biopics habe ich so meine eigene kleine, auch nach der einen oder anderen gelungenen lebensverfilmung immer noch skeptische haltung. wenn man sich auch noch so sehr um historische korrektheit bemüht, ist das gerade im film kaum, um nicht zu sagen: praktisch gar nicht, möglich. ob ein buch jetzt 200 seiten mehr oder weniger hat, um vielleicht noch eine andere seite zu präsentieren: egal (und selbst dann ist ein buch immer noch aus einer perspektive beschrieben, die nur schwerlich alle anderen auch ins boot holen kann). aber filme müssen nach spätestens 3 stunden rum sein, sonst will sich das keiner antun und damit ist der rahmen einfach sehr beschränkt.
darüber hinaus schreibt das leben ja sprichwörtlich immer noch die besten geschichten, aber meistens sind die nicht sonderlich "dramatisch", versucht man also, sich möglichst eng an die lebendige vorlage zu halten, werden biopics in der regel staubtrocken und recht langweilig.
diesen weg hat man bei amadeus nun nicht gehen wollen: man sucht sich vielleicht nen wahren kern, aber nur als ausgangssituation und überzieht das so, dass man das schon fast nicht mehr für bare münze nehmen kann.
diese ganze übertreibung hat aber noch einen anderen effekt: zwar kauft man dem film natürlich nicht ab, dass die perücken im ausgehenden 18. jahrhundert bevorzugt kreischpink gefärbt waren, aber man bekommt einen viel besseren einblick in das zeitgefühl, ansonsten würde das doch nur nach staubtrockenen historienfilm aussehen. insofern hat amadeus wohl wirklich maßstäbe gesetzt und ein moulin rouge! zb würde vielleicht ganz anders aussehen.
dr.Gonzo
Achtung bitte, die Kritik entählt sicher den ein oder anderen Spoiler, da ich sie im Word geschrieben habe wars mir aber zu mühsam die alle zu kennzeichnen! Augenzwinkern

Auweh Flo, was hast du mir da bloß angetan. Deinetwegen musste ich mich, nachdem du meine Gedanken und mittlerweile eher spärlichen Erinnerungen an den Film aus den unscharfen Tiefen meines Gedächtnisses an die Oberfläche, mitten in mein Bewusstsein, gerufen hast, trotz Gipsfuß 33 Stufen ins Wohnzimmer runterhangeln und den Film (wäre da unten nicht vor kurzem umgeräumt worden, er hätte sicher ordentlich Staub angesetzt) aus dem Regal holen (von den qualvollen 33 Stufen hinauf auf einem Bein schweige ich lieber).
Aber eigentlich muss ich dir danken, lieber Flo. Denn wie ich schon in meinem Versuch einer provisorischen Kritik gesagt habe: Ich habe diesen Film wirklich lang, lange Zeit nicht gesehen, obwohl ich immer wieder kurz daran gedacht habe und ihn eigentlich immer in Griffweite hatte. Danke dir und deinem Thread und der Notwendigkeit, in diesen einige Zeilen zu schreiben, habe ich mich endlich aufgerafft und ihn angesehen, denn dieser Film verdient einen Versuch einer richtigen Kritik Tatsache ist: Während ich das hier schreibe sehe ich ihn mir gerade noch mal an. Der Film hat also auch in seiner zweiten Blüteperiode bei mir den gleichen Effekt: Mehrmaliges Ansehen hintereinander ist nicht nur NICHT ermüdend, sondern, im Gegenteil, erwünscht.
Aber jetzt mal alles der Reihe nach.

Zum einer Schande muss ich gestehen: Der Name Milos Forman war mir bis vor drei Tagen nicht geläufig. Das ist gleich aus drei Gründen bitter.
1. Ist das hier ein Filmforum und diese Unkenntnis beweist einmal mehr dass ich nicht gerade das bin, was man im Allgemeinen einen Filmexperten nennt.
2. Ich habe Einer flog über das Kuckucksnest bei mir im Regal stehen und halte ihn, wie könnte es auch anders sein, für einen genialen Film.
3. Bekräftigt sich nach dieser Erkenntnis immer mehr der Eindruck, dass dieser Mann wohl noch mehr als „nur“ diese zwei Meisterwerke gemacht hat. Wenn ich das doch früher gewusst hätte, ich könnte mich jetzt ein wenig mehr „Filmexperte“ nennen.
Na egal, wieder einen kleinen Schritt auf dem langen, steinigen Weg zum Olymp der wahren Filmkenner zurückgelegt.

Dieser Milos Forman jedenfalls hat seine zwei Oscars für die beste Regie völlig zu Recht gewonnen. Was die Erschaffung von Atmosphäre betrifft macht ihm wirklich kaum jemand etwas vor. Und die Atmosphäre ist eine der ganz großen Stärken von Amadeus.
Dabei hilft ihm natürlich auch die Tatsache, dass er mit Prag und Wien die best möglichen Drehorte ausgesucht hat (wobei natürlich Wien als Drehort auf der Hand lag, Prag für den Tschechen Milos eigentlich auch). Der Zauber dieser beiden wunderschönen Städte fängt einen schon in den ersten Minuten, als der schwer verletzte Salieri durch die Straßen der Wiener Altstadt in Richtung Sanatorium gekarrt wird, während gleichzeitig ein einem toll geschmückten Saal ein Ball stattfindet. Er lässt einen den ganzen Film über nicht mehr los, dafür bietet der Film einfach viel zu viel für das Auge: Opulente Saale, rauschende Feste, die herrliche Wiener Staatsoper, die Kostüme und die Opern selbst.
Vor allem zwei dieser Punkte verdienen besonderer Erwähnung:
Zum einen die fantastischen Kostüme, die Theodor Pistek für den Film gebastelt hat. Auch er hat seinen Oscar mehr als verdient, Mozart, Salieri und Constanze waren einfach perfekt gekleidet. Ihre Darsteller hätten sich vor ihren Figuren sicher nicht schämen müssen.
Zum anderen die Opern! Wieso können Opern nicht immer so aussehen? Gerade heutzutage, wo man doch alle technischen Möglichkeiten hat, werden einem moderne Operninszenierungen vorgesetzt dass einem das Grausen kommt (zumindest mir). Wieso fliegen heute keine schwarzen Todgestalten durch die Luft, wieso bricht heute kein Feuer auf der Bühne auf, wenn Don Giovanni sein Schicksal ereilt, wieso muss man sich heute mit lieblos gestalteten Bühnenbildern abgeben, die nicht einmal Kleinkinder heutzutage beeindruck. Mag sein, dass man früher nicht solche Feuerwerke auf die Bühne gezaubert hat wie im Film dargestellt, aber ich bin mir sicher, dass man heutzutage VIELE Opernaufführungen hat, über die man früher nur gelacht hätte. Meine Meinung nach sollte sich JEDER, der Opern für langweilig hält, diesen Film ansehen um zu sehen: So kann so was aussehen, wenn man sich Mühe gibt. Aber man will ja heutzutage kein Geld ausgeben, wo man doch auch genauso gut ins Kino gehen kann… naja, ich bin ja nicht besser, aber irgendwie ist es schon schade.

Was auch maßgeblich zur tollen Atmosphäre beiträgt ist der, wenn man es so nennen will, Soundtrack. Eigentlich ist es ja hauptsächlich eine Auswahl von Mozartwerken, aber Forman setzt sie wirklich genial ein. Eine meiner Lieblingsstellen ist zum Beispiel, als Mozart zur, wenn ich da richtig liege, Ouvertüre der Zauberflöte durch die Wohnung tanzt, bis die Musik, als er die Türe öffnet und in die Maske von Salieri starrt, urplötzlich umschlägt. Es ist zwar schade, dass man jetzt nicht wie sonst einen Howard Shore oder Elfman loben kann für die tolle Arbeit, die sie für einen Film geleistet haben, aber: Kann man sich denn einen besseren Filmkomponisten als Mozart wünschen? Eine Kritik an der Musik erübrigt sich dadurch jedenfalls und der Oscar für die Beste Tonmischung war wohl nur Formsache. ;-)

Die Oscars scheinen bisher also alle am rechten Fleck. Auch der für den besten Hauptdarsteller? Ich kann mich noch erinnern wie ich mich damals, als ich den Film das erste Mal sah, gefragt habe, warum denn der Darsteller des sympathischen, lustigen Mozart keinen Oscar bekommen hat, der des intriganten, unsympathischen Salieri aber schon. Erst jetzt ist mir aufgefallen, wie phänomenal F. Murray Abraham seine Rolle spielt. Eigentlich sind es ja gleich vier Rollen die er spielen muss:
- Die des alten, vom Wahnsinn umfächelte Salieri, der in der Irrenanstalt dahinvegetiert und bei einem Pfarrer seine Art der „Beichte“ ablegt
- Die des jüngeren Salieri, der wo er nur kann gegen Mozart intrigiert.
- Die des Erzählers, der teilweise auftritt als wäre es ein Interview.
- Die des Kommentators.

Vor allem die Rolle des Kommentators gefällt mir sehr gut, wenn er schwelgend aber gleichzeitig zerfressen von Eifersucht die Opern und die Musik von Mozart begleitet und erklärt, was diese Noten für ihn und für den Rest der Welt bedeuten. Diese Szenen, in denen er so verträumt Analyse betreibt, während sich im Hintergrund die Musik aufbaut („und dann, hoch darüber, eine Oboe…“), könnte ich mir wohl dutzende Male hintereinander ansehen, sie würden mich immer noch zum Lächeln bringen. Sie sind wohl auch einer der Gründe, warum ich, wann immer der Abspann von Amadeus über den Bildschirm flimmert, am liebsten noch einmal auf Play drücken würde.

Diese Szenen würden aber nicht halb so gut funktionieren, wäre die Synchronisation nicht eine der besten, die ich je gesehen, beziehungsweise gehört, habe. Einige der militanten Verfechter des O-Tons werden mich jetzt vielleicht belächeln, aber ich glaube, das ist so ein Film, der in einer anderen Sprache als der Muttersprache der „Protagonisten“ einfach nicht ganz so gut ist. Im englischen gibt es diesen herrlichen, dezenten wienerischen Akzent des Kaisers ebenso wenig wie den ausgeprägten Dialekt der Magd, die Salieri ins Haus der Mozarts schmuggelt. Ich habe heute trotzdem die englische Tonspur gewählt. Sie tut dem Film natürlich keinen Abbruch, ist auf ihre Weise auch sehr gelungen (vor allem das immer wieder auftauchende Italienisch), aber einige Sachen brachten mich immer wieder zum Schmunzeln, vor allem wenn vom Hörrn Kapällmeistär“, von Hörr Mozrt, Wulfgäng oder Wulfi die Rede war.

Noch ein paar Worte zu den Schauspielern: Auch wenn Abraham den Oscar noch mehr verdient hat als sein Gegenüber, Hulce wäre ein genauso legitimer Oscargewinner gewesen. Beide spielen ihre Rollen perfekt. Wobei auch an den Rollen aller anderen Schauspieler, vom Nebendarsteller bis zum Komparsen, so gut wie nichts zu deuteln gibt. Darum lass ich’s auch.

Was bleibt also, wenn man wirkliche Kritik an Amadeus üben will? Dass „Die Zauberflöte“ und „Die Entführung aus dem Serail“ im Film englisch gesungen werden hat mich zwar gestört, aber ein richtiger, großer Kritikpunkt ist das ja nicht.
Es bleibt wohl nur noch die, bei Filmen mit historischem Kern, obligatorische historische Ungenauigkeit. Und tatsächlich, würde man es darauf anlegen, man könnte den Film über Seiten hinweg deshalb in der Luft zerreißen. Mozart war gar nicht so viel jünger als Salieri, Mozart war in Wahrheit gar kein infantiler Bengel, der außer Unsinn und Alkohol nichts im Kopf hat, wenn er nicht gerade Musik macht, sondern ein hoch gebildeter Mann, sprach mehrere Sprachen, philosophierte in seinen Briefen über allerhand wichtige Themen und hatte sicher nichts gegen Späße und war auch sicher etwas exzentrisch. Salieri war auch kein Intriganter Neider, der Mozart verachtet hat und alles unternommen hat, damit ihm der Erfolg verwehrt bleibt… diese Liste könnte man noch lange fortführen. In meinen Augen ist das aber ein Unterfangen, das einfach unsinnig ist. Es ist doch recht unwahrscheinlich, dass es Formans Intention war, eine Biographie zu machen. Hätte er das gewollt hätte er sich sicher mehr an Fakten gehalten, für einen Meister wie ihn wäre es wohl keine große Kunst gewesen, auch ohne Abänderungen der Tatsachen einen tollen Film zu machen. Stattdessen baute er um die eher groben Vorgaben eine Handlung, die auch ohne Mozart, Wien und Salieri funktioniert hätte, mit Mozart, Wien und Salieri aber genial harmoniert. Dazu diese sehr ungewöhnliche Erzählstruktur, die nicht um den eigentlichen Protagonisten Mozart, sondern um dessen Gegenspieler Salieri aufgebaut ist.

Und so bleibt wirklich nur ein einziger, kleiner Kritikpunkt: Dieses Lachen! Dieses schrille, penetrante Lachen von Mozart. Das ist zwar sicher so gewollt, aber mir stehen dabei immer sämtliche Haare zu Berge.

Fazit: Forman kleidet den Kampf des ordentlichen, strengen und gottesfürchtigen Menschen Salieri gegen das berauschte, lustvolle und wirklich gottgesegnete Genie Mozart, an dessen Ende der Sieger zwar rufen konnte „Gott(es Kind) ist tot und ICH, nur ICH bin sein Mörder“, aber letztendlich doch angesichts der eigentlichen Niederlage verzweifelt, in ein phantastisches Kleid aus Musik (nicht irgendeiner, wir reden hier immerhin vom wohl größten Musikgenie aller Zeiten), farbenprächtigen Kostümen und Kulissen und einer ungewöhnlichen, aber genialen Erzählstruktur. Dazu kommen noch drei Hauptdarsteller, die absolut perfekt miteinander harmonieren. F. Murray Abraham, Tom Hulce und die Musik von Mozart. Ich bin jetzt endlich soweit zu sagen: Amadeus ist einer der besten Filme aller Zeiten!

Schäm dich Flo, wegen dir muss ich wahrscheinlich bald noch einmal 33 lange Stufen hinunterstolpern und noch längere 33 Stufen wieder hinaufhumpeln, um mir unsere DVD der Zauberflöte zu holen. Aber wahrscheinlich, ach was, ganz sicher ist es die Sache am Ende wieder wert.

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Uff... tja, ist diesmal etwas länger geworden, aber der Film hatte einfach mehr verdient als die paar Sätze, die ich vorher dazu geschrieben habe.
Mittlerweile ist der Film auch wieder aus... auf ARD läuft zwar gerade Einer flog über das Kuckucksnest, aber der läuft schon ne ganze Weile... ich werd wohl die DVD einlegen. Grins
Data
Sehr schöne Kritik Munz, hat mir wirklich viel Spaß gemacht, zu lesen ... Angesichts der Tatsache, dass du dir so viel Mühe beim Schreiben gegeben hast, tut es mir fast nicht leid, dass du diese quälenden 33 Stufen so oft wegen mir laufen musstest! großes Grinsen

Ja, "Amadeus" hatte schon eine ganz besondere Wirkung, auch auf mich. Großartiges Drama mit großartigen Schauspielern - was begehrt das Filmherz mehr?

Gebe dir im großen und ganze absolut recht - lediglich die Hulce-Lache fand ich, im Gegensatz zu dir, einfach zum totlachen gut. Grins
Krabbe
Zitat:
Original von dr.Gonzo
Und so bleibt wirklich nur ein einziger, kleiner Kritikpunkt: Dieses Lachen! Dieses schrille, penetrante Lachen von Mozart. Das ist zwar sicher so gewollt, aber mir stehen dabei immer sämtliche Haare zu Berge.


Sicher so gewollt und auch, daß einem die Haare zu Berge stehen. Dieses (hypothetische) Lachen ist unharmonisch, schräg und tut in den Ohren weh, weil es eben im krassen Gegensatz zu der harmonischen Musik Mozarts steht. Das einem Menschen diese unglaubliche, von Gott gegeben musikalische Begabung gegeben wurde, der gleichzeitig ein penetranter Assi ist (mit blöder Lache) ist bestimmt ein interssanter Punkt in diesem Meisterwerk. Gute Arbeit