Filmkritik zu MOTHER OF TEARS :
Ich frage mich gerade wirklich, wie ich es schaffen kann, eine einigermaßen vernünftige Kritik über
MOTHER OF TEARS hinzukriegen. Es fällt schwer … denn ich bin eigentlich maßlos enttäuscht. Wäre dieser Film ein „normaler“ Horror-Streifen … gut, okay, kann man gucken. Aber hier handelt es sich um einen Argento – noch dazu um den abschließenden Teil seiner Mütter-Trilogie ! Es handelt sich um den Nachfolger zu dem grandiosen
SUSPIRIA und dem wirklich sehr guten
HORROR INFERNAL ! Und dann liefert Argento einen Film ab, mit dem er sich sein eigenes Denkmal in kleine Stücke haut !
Fangen wir mit den positiven Aspekten an :
MOTHER OF TEARS entwickelt die Story der ersten beiden Teile logisch und nachvollziehbar weiter. Wie schon aus den beiden Vorgängern gewohnt, wird die Geschichte der Mütter sowohl der Hauptperson wie dann auch dem Zuschauer erklärt.
Der Streifen hält sich nicht mit langem Vorgeplänkel auf, sondern geht gleich in die Vollen. Und so hat man schon nach 5 Minuten die erste Szene hinter sich gebracht, bei der Zartbesaitete wohl sofort die gekachelten Örtlichkeiten aufsuchen. Für die Fans der härteren Gangart hat Argento sowieso einige „leckere“ Szenen auf Lager, hier kommt man also – wenn man denn darauf steht – auf seine Kosten.
Auch die Atmosphäre ist durchaus ansprechend, besonders immer dann, wenn der Meister seine Handlung in die dunklen Abendstunden verlegt. Das Wiedersehen mit einigen alten Bekannten lässt einen auch für kurze Zeit in Erinnerungen schwelgen … neben dem unverwüstlichen Udo Kier hat auch Daria Nicolodi (die ja auch in „
Horror Infernal“ mitspielte) eine kleine Rolle. Ebenso wie in „
Scarlet Diva“ spielt sie auch hier wieder die Mutter von Asia Argento. Und zuletzt taucht mit Philippe Leroy ein wirklich alter Bekannter auf (der Mann ist mittlerweile 78 ), hatte dieser doch anno 1973 mit Kinski zusammen in „
Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ eine tolle Leistung hingelegt.
Von der Auswahl der Schauspieler her kann man sich also beim abschließenden Teil der Trilogie nicht beschweren. Atmo und Härtegrad stimmen auch … aber das war es dann leider auch schon, was man an positiven Punkten nennen kann.
Und nun die Kritikpunkte : Im Gegensatz zu seinen ersten beiden Mütter-Teilen hat sich Argento diesmal dazu entschieden, die Handlung seines Streifens nicht hauptsächlich im Haus der Mutter spielen zu lassen. Erst in den letzten 10 Minuten wird die Handlung dorthin verlegt. Und gerade die unheimliche und oftmals auch skurille Atmosphäre der Häuser bildeten bei
SUSPIRIA und
HORROR INFERNAL den passenden, gruseligen Rahmen. In
MOTHER OF TEARS irrt die Hauptakteurin Sarah Mandy (Asia Argento) vornehmlich durch die Straßen Roms … wahrscheinlich auf der verzweifelten Suche nach dem Flair der alten Filme.
Mit dem Fehlen der sonst gewohnten Location fehlt dann natürlich auch der zweite Punkt, der die beiden Vorgänger so auszeichnete : Das irrationale Farbenspiel. Argento verstand es damals, durch grelle Farben in Verbindung mit Licht und Schatten eine Atmosphäre zu schaffen, die einem Bild von Dali ähnlich war. Absolut surreal und verwirrend bewegten sich seine Figuren durch eine Szenerie, die nicht irdisch erschien. Mit dem Betreten der Mütter-Häuser hatte man das Gefühl, dass alles was draußen war, nicht mehr da war.
MOTHER OF TEARS ist da hingegen ein stinknormaler Horrorfilm mit den üblichen Locations, der Aufbau des Streifens in dieser Hinsicht daher am ehesten vergleichbar mit Argento’s
SLEEPLESS.
Hat man diese Minuspunkte verdaut, zieht einem der Soundtrack dann endgültig die Latschen aus. Was hatten
SUSPIRIA dank „
Goblin“ und
HORROR INFERNAL dank Keith Emerson doch geile Soundtracks. Und was bietet einem dann
MOTHER OF TEARS ? Einen spannungsarmen, emotionslosen und den Film zu keinem Zeitpunkt unterstützenden Musikwischwasch der übelsten Sorte. Claudio Simonetti hätte gut daran getan, sich an den Vorgängern zu orientieren … aber das hätte Argento selbst ja auch mal beherzigen sollen. Da ist der Abspann-Song vom „
Cradle of Filth“-Kreischheini Dani Filth noch das Highlight des Films.
Und so leid es mir tut, da ich ein absoluter Fan von ihr bin : Asia Argento liefert hier eine ihrer schwächsten Darstellungen überhaupt ab. Asia hat ja besonders in den letzten Jahren - nicht zuletzt durch ihre in Eigenregie erstellten Filme und Rollen - gezeigt, dass sie von der kreischenden Horrortante bis hin zur hässlich machenden Charakterrolle alles spielen kann. Doch was sie hier abliefert passt sich der allgemeinen Qualität des Films problemlos an. Da ist nichts von dem zu sehen, was Fräulein Argento sonst auszeichnet.
Kann sich noch jemand an die Mütter aus den ersten beiden Teilen erinnern ? Die waren doch wirklich gruselig und furchterregend, besonders wenn ich an das runzelige Etwas aus
SUSPIRIA denke. Grrr, da krieg ich jetzt noch Gänsehaut. Und was bietet uns Herr Argento diesmal ? Eine silikongepushte, nackte Tussi, die eine ebenso leichtbekleidete Meute in den Katakomben ihres Häuschen befehligt. Diese Meute zieht während des Streifens johlend und grölend durch die Straßen Roms und ist ungefähr so gruselig wie eine Gruppe 12jähriger auf dem örtlichen Schulhof. Außer ihrer gepimpten Oberweite hat „Mutter“ dann auch nix zu bieten und würde wohl selbst für einen 80jährigen Tattergreis keinen Gegner darstellen.
Wem das alles noch nicht reicht, der hat nach dem „grandiosen“ Finale den Kaffee dann wirklich auf. 10 Minuten vor dem Ende findet Sarah Mandy dann doch mal den Ort des Geschehens und Ausgangspunkt all der (nicht wirklich) grauslichen Geschehnisse. Weitere 7 Minuten braucht sie, um Mütterchen zu finden. Jeder einigermaßen begabte Mathematiker kann sich jetzt ausrechnen, wie lange es dauert, bis der Abspann kommt. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, bekommt der leicht gernervte Zuschauer dann noch eine Finalszene geboten, die man eher bei Louis de Funes als bei Dario Argento erwartet hätte.
Fazit :
MOTHER OF TEARS ist durchgängig spannungsarm und hat nichts – außer der Grundstory – mit den beiden Vorgängern zu tun. Zudem ist der Streifen auch noch deutlich schwächer als so manche Arbeit Argentos in den letzten Jahren. Filme wie „
Do you like Hitchcock?“ oder „
Sleepless“ waren nicht nur besser inszeniert, sondern auch um einiges spannender.
MOTHER OF TEARS ist trotz der oben genannten Pluspunkte in Sachen Atmo und Härte ein unwürdiger Abschluss der Mütter-Trilogie. Unter normalen Gesichtspunkten könnte man hier von einem guten Horrorfilm sprechen … wüsste man nicht, dass es ein Argento ist und seine Kult-Trilogie abschließen soll.
Nicht zuletzt durch seine guten Arbeiten im Rahmen der „Masters of Horror“-Reihe („
Jenifer“ & „
Pelts“) musste man hier von Dario Argento wesentlich mehr erwarten. Auch wenn man kein zweites
SUSPIRIA erhoffen konnte, so wäre das Niveau der oben genannten neueren Argento-Filme das Mindeste gewesen, was man als Messlatte hätte anlegen müssen. Als eingefleischter Dario- und Asia Argento-Verehrer ist die folgende Punktevergabe ungefähr genauso ernüchternd wie ein oder zwei Punkte für einen „normalen“ Horror-Rohrkrepierer :
6 / 10 Punkte