Ausführliches Review zu "Jack the Ripper - Der Dirnenmörder von London" :
„Die größte und grausamste Mordserie,der brutalste und perverseste Mörder. Ein Wahnsinniger,den sie´Jack The Ripper´ nannten, ohne zu wissen, wer er war und wie er aussah. Jetzt hat ´Jack The Ripper´, der Dirnenmörder von London ein Gesicht, das jeder kennt und nie mehr vergisst, das Gesicht des großartigen Klaus Kinski.“
Mit diesem Text warb die damalige Verleihfirma auf ihrer Kassette für den im Jahr 1976 entstandenen deutschen Horrorfilm „Jack The Ripper“. In Kreisen der Splatter- und Horrorfans wird dieser Streifen als kleines Juwel gehandelt. Und das obwohl der Regisseur hier Jess Franco hieß, dem neben Ed Wood wohl unfähigsten, aber auch kultigsten Mitglied seiner Zunft. Nach „Justine – Marquis de Sade“, „Venus in Furs“ und „Nachts wenn Dracula erwacht“ steht Klaus Kinski zum vierten Mal unter der Regie von Franco vor der Kamera.
Obwohl Jess Franco auch hier weder Kosten noch Mühen gescheut hat, um auch diesen Film zu versauen, wurde er in Deutschland zu einem Kassenschlager, was aber hauptsächlich seinem Hauptdarsteller zuzuschreiben ist. Kinski bietet eine Wahnsinnsleistung und rettet den Film. Heutzutage betrachtet man das Ganze mit anderen Augen. Franco hat den schlechten Geschmack zum Kult erhoben und genießt einen Status, von dem viele andere Regisseure nur träumen können.
Die Geschichte des ´Jack The Ripper´ dürfte hinlänglich bekannt sein. Im Jahre 1888 wurden im Eastend von London mehrere Prostituierte bestialisch ermordet. Scotland Yard jagte den Killer lange Zeit vergebens bis er ihnen eines Nachts in die Falle ging. Die Identität des Mörders wurde nie preis gegeben und ist seitdem Anlass zu wildesten Spekulationen. Angeblich soll der Ripper Verbindungen zum englischen Königshaus gehabt haben. Um den Skandal zu verhindern, wurde die Angelegenheit unter den Teppich gekehrt.
Schon oft ist die sagenumwobene Gestalt des Rippers für Verfilmungen herangezogen worden. Francos Version ist eine durch und durch düstere Version der Geschichte um den grausamen Frauenkiller, ständig schwankend zwischen einem ambitionierten Horrorfilm und einer platten Porno-Version.
Im Falle von Francos Film heißt ´Jack The Ripper´ Dr. Denis Orloff und ist ein angesehener Arzt. Nachts folgt er seinen düsteren Visionen, die von einem gestörten Verhältnis zu seiner toten Mutter herrühren, und ermordet junge Prostituierte auf brutalste Weise. Während der richtige Ripper stets die inneren Organe entnahm, hat sich Dr. Orloff mehr auf die äußerlichen Körperteile verlegt, die er den zum Teil noch lebenden Opfern entfernt. Danach zerstückelt er die Leichen, verpackt sie in einen Sack und entsorgt die Überreste mit Hilfe einer ihm treu ergebenen, extrem debilen Haushälterin im See.
Orloff begeht seine Taten nicht freiwillig, sondern folgt einem inneren Zwang. In alptraumhaften Rückblenden durchlebt er immer wieder Szenen seiner Jugend, in denen seine Mutter ihren kleinen Sohn mit Einzelheiten ihrer zahlreichen Bettgeschichten quält und ihn verspottet. Das daraus folgernde gestörte Verhältnis zu Frauen löst den Trieb des Tötens aus, den er nicht kontrollieren kann. Tagsüber ist Orloff ein angesehener Arzt, der die Ärmsten der Armen auch schon mal umsonst behandelt, obwohl er selber fast immer knapp bei Kasse ist. In der Nacht jedoch mutiert dieser Wohltäter zu einem brutalen Schlitzer.
Doch Scotland Yard ist ihm in Person von Inspektor Selby (Andreas Mannkopff) auf der Spur. Außerdem hat ein blinder Hausierer einen der Morde miterlebt und kann der Polizei aufgrund seiner ausgeprägten übrigen Sinne entscheidende Hinweise geben. Die Schlinge um Orloffs Hals zieht sich immer enger zu, als Selby seine Freundin Cynthia (Josephine Chaplin) als Lockvogel auf den Ripper ansetzt. Fast schlägt der Plan des Inspektors fehl und Cynthia wäre das nächste Opfer. Doch in letzter Sekunde wird sie gerettet und Orloff von der Polizei gestellt. Er lässt sich widerstandslos festnehmen. Er weiß, dass auf ihn nun die Hinrichtung wartet. Aber Orloff weiß auch, das er damit entgültig erlöst wird von dem Geist seiner Mutter.
Der Film weist die üblichen Zutaten eines Ripper-Films auf. Düstere Gassen und permanenter Nebel erzeugen eine bedrückende Atmosphäre. Auf jeden Fall ist es gelungen, das London des 19.Jahrhunderts glaubhaft in Szene zu setzen.
Neben Klaus Kinski ist eine Reihe ebenso bekannter wie talentloser Schauspieler in „Jack The Ripper“ zu sehen. Es ist schon beachtlich, wieviel darstellerisches Unvermögen hier versammelt ist. Andreas Mannkopff als Inspektor Selby, Josephine Chaplin als seine Freundin Cynthia übertreffen sich gegenseitig, und Herbert Fux als Taugenichts Charlie Fischer ist einfach mal wieder Herbert Fux. Einziger Lichtblick ist Lina Romay, zwar auch keine allzu begnadete Schauspielerin, aber doch zumindest rein äußerlich ein Blickfang. Frau Romay – im wirklichen Leben die Muse des Herrn Franco – lässt es sich im übrigen auch fast 30 Jahre später nicht nehmen, stets leicht bekleidet die Filme ihres Lieblingsregisseurs zu verzieren.
Kinski spielt alle übrigen „Schauspieler“ mit Leichtigkeit an die Wand, was im vorliegenden Fall keine wirkliche Herausforderung dargestellt hat. Auch wenn ich mich wiederhole, auch hier kann man nur von einer Paraderolle für Klaus Kinski sprechen. Er ist für diese zwiegespaltenen Charaktere nun einmal wie geschaffen. Auf der einen Seite der sich aufopfernde Arzt für die Armen, auf der anderen Seite der von seinen Trieben und Schatten verfolgte Killer.
Ein Kinski braucht keine großen Gesten um die zwei Seelen darzustellen, die in der Figur des Dr. Orloff kämpfen. Jess Franco war zumindest so einfallsreich und hat zahlreiche Nahmaufnahmen von Kinskis Gesicht gemacht. So wird in manchen Szenen der ganze Bildschirm ausgefüllt von Kinskis Augen. Man kann jede Ader sehen, jedes noch so kleine Zucken seiner Gesichtsmuskeln, und in den Augen spiegelt sich der Kampf der beiden Ichs wieder.
Kinskis Darstellung ist für einen Film, der an blutigen und abstoßenden Szenen nicht spart, fast schon wieder zu gut, hebt er ihn doch auf ein Niveau, dass er eigentlich gar nicht verdient. Zeitweise ist der Ekelfaktor mancher Szenen schon recht hoch, andererseits sind die Splatterpassagen so laienhaft ausgeführt, dass man schon wieder belustigt reagieren muss. Bestes Beispiel dafür ist die Szene, in der Kinski / Orloff sein noch lebendes Opfer Marika (Lina Romay) zerstückelt. Man halte beim Zuschauen das Videoband mal kurz an – es ergibt sich ein wunderbarer Anblick von ´Schaufensterpuppe mit Ketchup´.
Wie in so vielen Fällen steht und fällt auch dieser Streifen mit seinem Hauptdarsteller Klaus Kinski. Erneut setzt er sich über die ihn umgebende Mittelmäßigkeit hinweg und schafft so eines kleines Meisterwerk.Trotz einiger unübersehbaren Schwächen zählt „Jack The Ripper“ zu den Kultwerken Francos und wohl auch des Horror-Genre.
Fazit :
9 / 10
