Danke, William Friedkin, kann ich da nur sagen ! "Bug" wurde ein Film, der dem Horror-Genre endlich wieder einmal einen grossen Hauch an Frische verpasst hat, was das Genre mehr als nötig hatte. Wobei, Horror... Wer hier einen waschechten Horrorfilm erwartet, sollte sich lieber zwei Mal überlegen, sich den Film anzusehen. Denn wer sich nach dem Trailer orientiert, der dürfte nach dem Anschauen des Films durchaus über ein enttäuschtes Magengefühl verfügen. Der Einblick wurde so zusammengeschnitten, dass man wirklich denken würde, man bekomme hier einen richtigen Tier-Horror zu sehen, bei dem die fiesen, kleinen und ekligen Krabbeltierchen die Hauptgefahr darstellen. LGF liess den Trailer allerdings so aussehen, dass es auch für die breite Masse interessant klingt, denn letztendlich ist Bug ein Werk, das vielen Kinogängern überhaupt nicht gefallen wird. Die Meinungen werden enorm auseinander gehen - wie man hier im Thread schon klar und deutlich erkennen kann.
Bug empfand ich als sehr viel anspruchsvoller als vieles, was es in den letzten Jahren so im Kino zu sehen gab und gerade aus diesem Grund empfinde ich es als sehr schade, dass er an den Kinokassen erheblich gescheitert ist. Wobei ich LGF dennoch einen Dank aussprechen muss, ihm immerhin eine Chance gegeben zu haben, denn sie haben einen Versuch gewagt und ihn sogar als Wide Release in die Kinos gebracht. Nun, wo ich den Film gesehen habe, überrascht mich das nämlich sehr. Wie gesagt, der Film ist eher anspruchsvoll und spricht eine gezielte Gruppe an und das merkt man deutlich. Jemand, dem es ausschliesslich um Brutalitäten geht, der wird hier nicht zufrieden sein, denn es ist ein enorm dialoglastiger Streifen. Zudem spielt sich der Film ständig, bis auf wenige Ausnahmen, in dem einen Hotelzimmer ab, was für Manche doch eher als langweilig empfunden werden dürfte. Ich persönlich wurde schon im Vorfeld darüber informiert und gewarnt, dass Bug mehr ein Psycho-Drama ist, als ein Horrorfilm. Obwohl das was im Film letztendlich zu sehen war dennoch der pure Horror war. Wohl ein Mix von mehreren Genres, würde ich sagen, bei dem der Horror sicherlich nicht fehlt, aber eben in einer anderen Form dargestellt wird.
Regisseur William Friedkin hat zudem wieder einmal mehr bewiesen, dass nicht die Menge an Geld darüber entscheidet, ob ein Film gut oder schlecht wird. Mit wenig Mitteln hat der mittlerweile über 70-Jährige Filmemacher ganz deutlich gezeigt, dass man auch mit einem kleineren Budget in der Lage sein kann, etwas kreatives auf die Beine zu stellen. Dadurch, dass sich Bug beinahe ausschliesslich auf die beiden Hauptdarsteller konzentriert, wird ein hoher Anspruch darauf gesetzt, dass sie ihre Figuren auch möglichst überzeugend verkörpern. Und da muss ich sagen, hat Friedkin den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Rollenvergabe ist nahezu perfekt. Ashley Judd als innerlich völlig verstümmelte und unglückliche Person, die alle Probleme mit Mühe und Not versucht in sich hineinzufressen und Michael Shannon als mysteriöser "Nachbar", bei dem der Zuschauer schon von Anfang an weiss, dass da irgendwas nicht stimmt. Die beiden Darsteller haben ihr bestes gegeben und wenn Horrorfilme bei den Oscars eine Chance hätten, dann würde ich die auf alle Fälle vorschlagen - manche die den Film nicht mögen, werden diese Aussage womöglich als lachhaft empfinden. Ich bin allerdings der Meinung, dass Judd und Shannon perfekt miteinander harmoniert und gespielt haben !
Sie geben ihren Figuren diesen gewissen Bonus. Sie kommen unheimlich glaubwürdig rüber. Sicherlich gab es ein, zwei ganz kurze Augenblicke, bei denen auch ich mir ein kleines, unfreiwilliges Grinsen nur schwer habe verkneifen können, aber dies hatte letztendlich nichts mit ihrem schauspielerischen Talent am Hut. Und ausserdem handelt Bug von Wahnvorstellungen, Schizophrenie bzw. Paranoia und genau das übermitteln die Beiden den Zuschauern, ohne dabei unglaubhaft zu wirken. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass dies das mit Abstand beste Können von Ashley Judd war. Ich mag die Darstellerin ohnehin sehr gerne, aber in Bug hat sie mir noch einmal deutlich gemacht, wie gut sie ihren Job doch kann - auch wenn es die letzten Jahre ein paar Ausrutscher gab.
Von Michael Shannon hingegen habe ich bislang nur sehr wenig gesehen. Unter anderem war er auch im Drama World Trade Center und Liebesfilm Glück Im Spiel zu sehen. Da hatte er allerdings bloss kleinere Nebenrollen, zudem auch völlig unbedeutend, wenn ich mich richtig daran erinnere. Jedenfalls war auch seine Leistung wirklich sehr beeindruckend und nennenswert. Man nimmt ihm den psychisch gestörten und kranken Peter Evans einfach ab. Und gerade zum Showdown hin, dem hervorragenden Finale, wird das Zusammenspiel der Beiden immer beeindruckender, besser und intensiver.
Die anderen Darsteller sind zwar von Bedeutung, was ihre Figuren anbelangt, kommen im Film allerdings kaum zur Geltung, weshalb sie im Grunde genommen alle austauschbar waren.
In der ersten Stunde, wenn nicht sogar ein wenig darüber hinaus, wird in der Tat sehr viel gesprochen und wenig unternommen. Allerdings war das unbedingt nötig, denn solch eine Thematik kann man nur sehr langsam angehen. Eine gewisse Einführung wird verlangt. Würden die Käfer wirklich existieren, dann hätte man den Krawumm sicherlich eher starten können, aber dadurch, dass der Film eben auf dieses Paranoia zugeschnitten ist, war das so wie es war goldrichtig. Die Figuren werden beide sehr gut eingeführt. Man erfährt von Agnes White's, gespielt von Ashley Judd, Schicksalsmomente, welche für sie das Leben in den Abgrund haben reissen lassen. Zudem werden durch Bilder und Dialoge in den ersten zwei Dritteln des Films Dinge angedeutet, die später von Bedeutung sind. Fragen werden aufgeworfen, die dann mit der Zeit nach und nach ihre Antwort erhalten.
Und der Charakter Peter Evans fällt von Anfang an schon "seltsam" auf. Obwohl er eine doch sehr beunruhigende Art und Weise der Umgangsform hat, empfindet die von Judd's gespielte Figur Agnes Gefühle für ihn. Endlich ist sie nicht mehr alleine, kann über Dinge reden und sich einfach nur mit einer Person unterhalten, um sich von dessen Sätze zu faszinieren und beeinflussen. Die seltsame Person von Peter scheint ihr dabei weder aufzufallen, noch zu stören. Und das, obwohl dem Zuschauer ganz klar übermittelt wird, dass mit dieser Person irgendwas nicht in Ordnung ist. Schon alleine wie er spricht, was er sagt. Es wird einfach klar, dass bei ihm eine oder mehrere Schrauben locker sind. Was hinzu in der ersten Hälfte so wichtig ist, dürfte die Tatsache sein, dass vieles im späteren Verlauf eine Bedeutung hat. Alles, was in der für Manche sehr langweiligen ersten Stunde passiert, ist nicht umsonst. Denn sobald sich die Beiden ihr eigenes Universum aufbauen, kommen die Handlungen von Beginn des Films zum Zuge. Dabei haben die beiden "Opfer" falsche Ansichten davon, was sie bereden und der Zuschauer weiss das.
Sobald dann die eigentliche Handlung eingeführt wird und sich die beiden Hauptfiguren in einer selbsterschaffenen Welt wiederfinden, geht es dann los mit dem Wahnsinn. Die Spannung wächst und steigt von Minute zu Minute rapide an, ebenso die Atmosphäre, die so intensiv wird, als würde man die nichtvorhandenen Wesen am eigenen Leibe zu spühren bekommen. Die zwei Charaktere isolieren und distanzieren sich immer weiter von der Realität. Die beste Freundin ist auf einmal der Feind und die Nachbarschaft Mitglied einer Regierung, die es auf das Paar abgesehen hat. Immer weiter versinken Agnes und Peter in ihrem eigenen Universum und gehen immer mehr zu Grunde. Sie glauben das, was sie glauben wollen und sehen das, was sie zu sehen glauben. Ein kleines und harmloses Klopfen an der Türe ist auf einmal ein gewaltiges Erdbeben, das die Beiden in Panik versetzt. Und diese Isolation, die Distanz und Entfernung zur harten Realität, wird dem Zuschauer glaubwürdig rübergebracht. Man wünscht sich regelrecht irgendwas für die Beiden unternehmen zu können und hofft, dass alles in bester Ordnung wird, aber letztendlich bleibt dem Betrachter des Werks keine andere Wahl, als den beiden in einem Bad des Wahnsinns bei ihrem schmerzhaften Zusammenspiel zuzusehen und bangen.
Und hier kommen eben die Handlungen der ersten beiden Drittel des Films zum Zuge. Egal ob offene Fragen ohne konkrete Antwort, oder der Sex nach der Bekanntschaft. Auf alles wird zurückgeblickt. Nach und nach versuchen Agnes und Peter sich ihr eigenes Bild auszumalen bzw. ihr eigenes Puzzle Bild zu komplettieren, um den wahren Tatsachen aus dem Weg zu gehen.
Gegen Ende wird Bug immer düsterer, unheimlicher und härter. In Sachen Spannung und Atmosphäre kaum mehr überbietbar. An dieser Stelle sei dem Regisseur William Friedkin noch einmal ein Lob gesagt, der hier einen richtig überzeuegenden Film inszeniert hat, der sich von der Masse gewaltig abhebt und frischen Wind ins mittlerweile geradelinige Horror-Genre bringt. Auch wenn Bug als kein waschechter Horrorfilm angesehen werden kann. Viel mehr ein Mix aus mehreren Genres. Jedenfalls wurde die Thematik mehr als genügend behandelt. Weniger kann manchmal so viel mehr sein.
8,5/10