"Katherine und ihr Mann Paul McNally sind bestürzt: Die Ärzte haben ihnen offenbart, dass Töchterchen Michelle nicht sehen und hören kann. Selbst als Teenagerin verhält sich Michelle deshalb wie ein Tier. Es ist kein Kontakt zu ihr möglich, keine Erziehung. Paul will sie deshalb in ein Institut überweisen, doch Katherine wirft ein, dass ihre Tochter ja nicht geistig behindert ist - nur taubstumm. Sie wendet sich an den trinkenden alten Haudegen Debraj Sahai, der Michelle zu einem Mitglied der Gesellschaft machen soll. Doch seine Erziehungsmethoden sind so rabiat, dass Paul ihn aus dem Haus haben will. Als Mr. McNally aber für 20 Tage verreist, nutzt Sahai die Chance, um Michelle zu "trainieren". Er bringt ihr Blindenzeichen und den Sinn von Worten bei. Tatsächlich gelingt es ihm, Michelle aus ihrerm bisherigen Zustand zu erlösen. Viele Jahre später ist Michelle eine ehrgeizige junge Frau, die den Uni-Abschluss machen will. Sahai weicht nicht von ihrer Seite, denn er übersetzt die Vorlesungen für sie. Doch während sie nur langsam Fortschritte macht, zeigen sich bei Sahai Zeichen von Alzheimer." (
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Sanjay Leela Bhansalis neuer Film Black bedeutet eine Abkehr vom klassischen Bollywood-Formelfilm. In seinem letzten Werk DEVDAS bediente er noch fast alle Anforderungen. Sharukh Khan, Maduri Dixit und Aishwarya Rai, drei schöne Menschen, unglaublich opulente Sets, aufwändige Song&Dancenummern und eine ergreifende Liebesgeschichte ließen das Hindiherz höher schlagen. Lediglich jeglicher Verzicht auf alle Arten albernen Humors unterschieden DEVDAS vom üblichen Output Mumbais. Ein wenig erstickte DEVDAS in seiner Opulenz, was nun in BLACK komplett unterlaufen wird. Fast kammerspielartig kommt der Film daher. Selten befinden sich mehr als drei Menschen in einem Raum, auf Song&Dancenummern wird gleich komplett verzichtet und die Laufzeit von rd. 120 min unterbietet die Bolly-Konventionen gleich mal um gut 60 min. Umso erstaunlicher, dass Bhansalis sehr persönlicher Film (das Schicksal Behinderter liegt ihm offenbar wirklich am Herzen) in den indischen Metropolen einen durchschlagenden Erfolg erlebte. Vielerorts sprach man von einem wegweisenden Meisterwerk, was dem Film trotz aller Güte jedoch nicht ganz gerecht wird.
Bhansali erzählt die Geschichte der blinden und tauben Michelle (Rani Mukherjee) und ihrem Lehrer (Amitabh Bachchan). Somit ist zwar eine Starbesetzung vorhanden, diese agiert jedoch völlig gegen den Strich. Beiden Hauptdarstellern wird die zweifellos vorhandene Attraktivität fast krampfhaft weggeschminkt. Wenn Bachchan auf der Bildfläche erscheint, sieht man einen vom Leben gezeichneten Einzelgänger, der ohne seine Wollmütze nicht eine einzige Szene bestreitet. Zuerst begegnet der Lehrer seiner Schülerin als Kind, herausragend ist hierbei die wilde Vorstellung der jungen Michelle (Newcomerin Ayesha Kapoor). Man meint, dass sie wirklich blind und taub sei. Ein völlig verwildertes Kaspar-Hauser-Kind bietet sich einem dar. Ohne Kontakt zur Außenwelt und von den völlig überforderten Eltern nie gebändigt. Bachchan schafft es natürlich, dem Kind zuerst Disziplin und schließlich eine getastete Zeichensprache beizubringen: Die Bedeutung von Sprache und Kommunikation. Sein Ziel: Michelle soll unabhängig werden.
Es folgt ein Sprung in die jungen 20er Jahre in Michelles Leben. Diese Rolle wird von Rani Mukherjee (VEER-ZAARA, KUCH KUCH HOTA HAI) übernommen...und man muss nicht nur zweimal hinschauen, um sie zu erkennen. Wenn man ihren Namen nicht in den Credits lesen würde, hätte man keine Chance, in ihrem sehr natürlichen Spiel und ihrem ungeschminkten Äußeren die von einer halben Milliarde männlicher Inder begehrte Bollywood-Beauty zu identifizieren. Skurril, wenn nun die in Hollywood kürzlich losgetretene Welle der schönen Schauspielerinnen, die sich für ihre Rollen bewusst hässlich schminken (Nicole Kidman in THE HOURS, Cameron Diaz in BEING JOHN MALCOVICH oder Charlize Theron in MONSTER) nun auch in Indien probiert wird. Wobei Mukherjee in dem Film nicht hässlich ist, aber sie wirkt natürlich und optisch eher austauschbar. Ein normaler Mensch halt. Erwähnt sei noch, dass der hübsche Sidekick etlicher anderer Filme hier eine ganz formidable Leistung hinlegt. Glaubwürdig und eindringlich.
In dieser Phase des Films sieht man nun wie Michelle und ihr Lehrer versuchen, trotz aller Handicaps ihren Studienabschluss zu schaffen. Wobei er ihr während der Vorlesungen simultan in die getastete Gehörlosensprache übersetzt. Erfreulicherweise ist Michelle nicht gleich Jahrgangsbeste sondern fällt Jahr für Jahr immer wieder durch. Erfreulicherweise deshalb, weil diese Klischeefalle ja gerne von vergleichbaren amerikanischen Filmen bedient wird. Spannend eine Szene, wenn Michelle körperliche Gelüste verspürt und ihren Lehrer bittet, ihr diese zu erfüllen. In diesem Moment bewegt sich der Film dann komplett weg von allen Bolly-Klischees und man ist im Bereich des Arthaus-Cinemas angelangt. Erwähnt sei hier, dass der Film mit einem im Gegenlicht gezeigten Kuss auf den Mund (!) nicht nur seine umstrittenste, sondern auch seine intensivste Szene darbietet.
Alles beginnt und endet mit der Rahmenhandlung, in der die mitterweile erwachsene Michelle ihren zwischenzeitlich an Alzheimer erkrankten Lehrer versucht, ihrerseits aus der Schwärze (BLACK) des Daseins zu helfen.
Festgestellt haben wir also schon, dass BLACK ein ungewöhnlicher und mutiger Film ist. Ist er auch gut? Ja, er beeindruckt, wenn auch nicht auf ganzer Linie. Bhansali wollte einen Film jenseits des Bollywood-Mainstreams zu machen und orientierte sich eher am amerikanischen Arthaus-Cinema, verleugnet aber nicht seine Wurzeln. Und hier wird es interessant: War zum Beispiel MONSOON WEDDING ein Versuch einer Exil-Inderin mit Mitteln des westlichen Kinos eine Annäherung an das klassische Bollywood vorzunehmen, ist BLACK wiederum eindeutig als indisches Melodrama zu erkennen, umgeht aber bewusst einige Regeln dieses Genres. Dieses bedeutet natürlich, dass Bhansalis Film daher auch mit Vertretern anderer Länder verglichen werden muss. Natürlich fällt einem Caroline Links JENSEITS DER STILLE ein, A BEAUTIFUL MIND mit Russell Crowe oder Dustin Hoffman in RAIN-MAN. Kann BLACK mithalten? In einigen Sequenzen, dann wenn der Film den indischen Trumpf auspackt: Emotion, übersteigt der Film vergleichbare westliche Filme. Im Bereich der Psychologisierung wirds jedoch manchmal arg. Die sonst so gerne verziehene Naivität der Bollywoodfilme erweist sich in diesem Werk in einigen Sequenzen als Hemmschuh. Wenn Bhansali einen durch und durch ernsten Film machen will, weshalb muss er dann Außenaufnahmen, die in den 1920er Jahren spielen, in irgendeinem europäischen Freizeitpark aufnehmen, wo es künstlich aussieht wie in Disneyland? Wenn Sharukh Khan und Kajol durch die Berge tanzen, WILL ich sowas sehen, aber in einem ernstgemeinten Drama sind solche Szenen eher schwierig. Ähnlich problematisch ist das teilweise zu exzessive Spiel Bachchans, der die Grenze zum Overacting häufig streift und leider auch ab und zu überschreitet. Hier merkt man die Wurzeln des klassischen Bollywood, welche einem ernsten Drama durchaus im Wege stehen.
Aber genug gemeckert! Der Gesamteindruck des Films ist trotz dieser kleinen Schwäche durchaus positiv und die eindringliche Beziehung der beiden Hauptdarsteller wird auf der Leinwand äußerst plastisch und meistenteils auch glaubwürdig, fast immer sogar emotional eindringlich dargestellt.
Dringend erwähnt werden muss noch die ganz hervorragende Fotografie des Films. Optisch wird man absolut verwöhnt. Opulent zwar, aber trotzdem die Melancholie und Einsamkeit der Darsteller unterstützend. Eine großartige Farbdramaturgie ergänzt die eleganten Kamerafahrten äußerst passend. Der Kameramann Ravi K. Chandran entwickelt sich zu einem der herausragensten Bildgestalter Indiens.
Was bleibt? Ein Versuch, den indischen Formelfilm zu überwinden, ohne die Wurzeln zu verraten. Operation unterm Strich geglückt. Fragt sich nur, wo Bollywood hinsteuern will, wenn die indischen Filmemacher versuchen, sich an westlichen Vorbildern zu orientieren? Ein amerikanisches Kino gibt es schon und wir brauchen kein zweites. Ist doch die Stärke des indischen Films, einen Gegenentwurf zum Mainstreamkino aus den USA zu bieten. Gibt man diese Stärke auf, werden die Amis langfristig Punktsieger werden.
Solange Filme wie BLACK jedoch behutsame Versuche bleiben, das indische Kino weiterzuentwickeln und nicht einen Trend begründen, ist das indische Kino auf dem besten Weg, sich im Westen immer mehr zu etablieren, denn nun paart sich allmählich die märchenhafte Reinheit Bolllywoods mit westlicher Psychologisierung und das kann nichts schlechtes sein. Bleibt zu hoffen, dass die Produzenten wissen, was sie tun und nicht irgendwelchen Strömungen blind hinterherlaufen. Hollywood ist Hollywood und Bollywood ist Bollywood. Und das ist gut so...